Bindung mit Baby aufbauen: Expertin Susanne Mierau erklärt, worauf es ankommt
BABY, FAMILIE, Wissen
Wie bekommen Eltern eine enge Bindung zum Baby? Und welche Mythen kursieren zu dem Thema in den sozialen Medien? Wir haben nachgefragt.
Susanne Mierau begleitet und berät Eltern seit über 20 Jahren. Sie ist Autorin, Mutter von drei Kindern und Expertin im Bereich bindungsorientierte Erziehung. Im Gespräch erklärt sie, warum Bindung kein Tank ist, der immer wieder aufgefüllt werden muss, was Kita-Eingewöhnung wirklich schwer macht und warum der beste Erziehungstipp lautet: Bleib du selbst.
Manche Bücher kommen genau zum richtigen Zeitpunkt. „Wurzelstark und flügelleicht“ von Susanne Mierau trifft den Nerv von vielen Eltern: den Wunsch, das Richtige zu tun, und die Angst, es doch falsch zu machen. Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin und eine der bekanntesten Expertinnen im Bereich bindungs- und bedürfnisorientiertes Familienleben. Sie hat an der Freien Universität Berlin gelehrt und leitet eine eigene Praxis für Familienberatung. In ihrem neuen Buch zeigt sie, wie Eltern sichere Bindungen zu ihrem Kind aufbauen, achtsam mit dem eigenen Erleben umgehen und gleichzeitig Freiräume schaffen können, die der ganzen Familie Geborgenheit und Leichtigkeit schenken.
Wir haben mit ihr gesprochen über Bindungsmythen, Instagram-Ratschläge, die Kita-Eingewöhnung und die Frage, was Kinder wirklich brauchen. Die Antwort ist einfacher, als viele denken.

Liebe Susanne Mierau, Sie begleiten Eltern seit über 20 Jahren. Was hat sich in dieser Zeit verändert?
Susanne Mierau: Es gibt Veränderungen, die ich sehr gut finde – und andere, die mich nachdenklich machen. Früher ging es in der Elternbegleitung oft um konkrete Alltagsfragen: Wie führe ich Beikost ein, wie komme ich von der Windel los, wie funktioniert das Stillen? Der Fokus lag sehr auf dem Kind. Heute rücken die Eltern – und insbesondere die Mütter – viel stärker in den Mittelpunkt. Das finde ich gut, weil es ermöglicht, gesellschaftliche Rahmenbedingungen mitzudenken. Es liegt eben nicht alles an uns als Individuen.
Gleichzeitig sind die Fragen komplexer geworden. Viele Eltern haben große Angst, etwas falsch zu machen. Sie erleben einen enormen Anspruch, jederzeit perfekt reagieren zu müssen. Auch Zukunftssorgen und psychische Belastungen sind bei Eltern ein Thema.
Sie schreiben, dass Bindung gelingt, wenn wir verstehen, wie das Kind tickt. Aber müssen Eltern nicht zuerst sich selbst verstehen?
Beides gehört untrennbar zusammen. Eltern werden ist kein Ereignis, sondern ein Entwicklungsprozess. Ich bin heute als Mutter meiner Teenager eine ganz andere, als damals mit meinen Babys. Elternschaft fordert uns immer wieder heraus, uns selbst neu kennen zu lernen und weiter zu entwickeln.
Ich finde es sehr wertvoll, dass wir heute auch über die Veränderungen sprechen, die Mutterschaft und Elternschaft im Gehirn und im Körper auslösen. Sorgearbeit verändert Menschen. Gleichzeitig erwarten wir von Eltern, all diese Veränderungen neben Schlafmangel, finanziellen Sorgen und Alltagsorganisation möglichst geräuschlos zu bewältigen. Dafür gibt es viel zu wenig Unterstützung.
Und viel zu wenig Energie, besonders am Anfang.
Ja, und das ist auch ein gesellschaftliches Thema. Wie haben wir Familie organisiert, dass es so anstrengend ist? Wenn wir selbstverständlich Unterstützung hätten, wenn Menschen vorbeikommen, Essen bringen, Rücksicht nehmen, wenn wir entspannt und ohne finanzielle Sorgen im Wochenbett sein könnten, vielleicht auch mit der Partnerperson: Wie anders wäre das?
Kommen wir zum Thema Bindung zum Baby. Viele Mütter haben große Angst, gleich nach der Geburt etwas falsch zu machen, gerade wenn sie einen Kaiserschnitt hatten, oder wenn das Bonding nicht sofort klappt. Können Sie ihnen diese Angst nehmen?
Ja, unbedingt. Leider wird die Bindungstheorie häufig dazu benutzt, Eltern und insbesondere Mütter unter Druck zu setzen. Dabei sagt die Forschung etwas anderes: Kinder können sichere Bindungen zu Menschen aufbauen, die sie nicht geboren haben. Das zeigen Adoptivfamilien, Pflegefamilien oder Regenbogenfamilien sehr eindrücklich. Entscheidend sind nicht einzelne Momente rund um die Geburt, sondern die Qualität der Beziehung, die sich über viele gemeinsame Erfahrungen entwickelt.
Natürlich kann ein früher Hautkontakt nach der Geburt den Beziehungsaufbau unterstützen und für Eltern und Kind eine schöne Erfahrung sein. Er ist aber keine Voraussetzung für eine sichere Bindung. Bindung und Bonding sind nicht dasselbe. Bindung entsteht nicht in den ersten Stunden nach der Geburt, sondern entwickelt sich aus der wiederholten Erfahrung feinfühliger und verlässlicher Interaktionen. Das Kind lernt im Alltag: Meine Signale werden wahrgenommen. Ich darf Hilfe suchen. Ich bin willkommen. Aus diesen Erfahrungen wächst Vertrauen.
Was ist der größte Irrtum, den Eltern über Bindung zum Baby haben?
Es gibt viele Missverständnisse. Besonders problematisch finde ich die Vorstellung eines sogenannten „Bindungstanks“, die in sozialen Medien immer wieder auftaucht. Dahinter steckt die Idee, Kinder hätten einen Tank, den Eltern ständig auffüllen müssten, bevor er leer wird. Mit der Bindungsforschung hat das wenig zu tun.
Bindung ist kein Vorratsbehälter, sondern ein Beziehungsmuster. Kinder entwickeln aus ihren alltäglichen Erfahrungen Erwartungen über sich selbst und andere Menschen. Sie lernen: Bin ich liebenswert? Sind andere verlässlich? Darf ich mich mit meinen Gefühlen zeigen?
Deshalb ist es für Eltern oft hilfreicher, weniger über Bindungstypen nachzudenken und stattdessen neugierig auf ihr Kind zu schauen: Welche Signale sendet es? Welche Gefühle könnten hinter seinem Verhalten stehen? Kann ich versuchen, seine Perspektive einzunehmen? Genau dort beginnt bindungsorientiertes Begleiten.

Was sagen Sie in der Beratung zu verunsicherten Eltern?
Wir sammeln erst einmal alles, was gut läuft. Ich frage: Woran erkennst du, dass es deinem Kind gut geht? Und dann kommen ganz viele Dinge: Das Kind lacht. Es kommt und kuschelt. Es darf seine Meinung sagen. Es fragt offen nach Dingen.
Wenn ein Kind sagt „Das finde ich blöd“, denken viele Eltern: Es kritisiert mich, ich hab’s falsch gemacht. Man könnte aber auch sehen: Dieses Kind hat den Raum, das zu sagen. In anderen Familien würde es das vielleicht nicht wagen. Das ist doch eigentlich etwas Gutes.
Und bei Babys, die viel weinen? Was können Eltern hier tun?
Dann lohnt es sich zunächst, gemeinsam genau hinzuschauen. Weinen ist die wichtigste Kommunikationsform eines Babys und zunächst einmal nichts Schlimmes. Gleichzeitig gibt es Babys, denen Regulation schwerer fällt oder die besonders sensibel auf Reize reagieren. Auch körperliche Ursachen oder Belastungen rund um Schwangerschaft und Geburt können eine Rolle spielen und sollten sorgfältig abgeklärt werden.
Ebenso wichtig ist aber der Blick auf die Eltern: Wenn ein Baby viel weint, geraten viele Familien in belastende Kreisläufe. Eltern zweifeln an sich, fühlen sich hilflos und entwickeln Angst vor der nächsten Weinsituation. Dadurch geht oft das Vertrauen in die eigene Kompetenz verloren. Deshalb brauchen diese Familien vor allem Entlastung und Begleitung.
Und manchmal hilft bereits ein anderer Blick auf das Verhalten des Babys: Ist das Weinen tatsächlich außergewöhnlich oder Ausdruck seiner Kommunikation? Welche Reize sind für dieses Kind passend? Wie können wir seine Co-Regulation unterstützen? Es geht nicht darum, möglichst schnell ein stilles Baby zu haben, sondern darum, gemeinsam Wege zu finden, wie sich das Kind sicher und verstanden fühlen kann.
Sie sprechen in Ihrem Buch von „starken Wurzeln“. Was meinen Sie genau damit?
Damit meine ich ein tiefes Vertrauen in sich selbst. Dieses Gefühl: Ich werde meinen Weg schon finden. Gerade in den ersten Jahren erleben Eltern einen enormen Druck. Sie sollen alles richtig machen beim Stillen, Tragen, Schlafen, bei der Beikost oder der Eingewöhnung. Dabei gibt es selten nur einen richtigen Weg. Familien sind unterschiedlich, Kinder sind unterschiedlich und auch ihre Temperamente unterscheiden sich. Starke Wurzeln bedeuten deshalb auch, sich von Perfektionsansprüchen zu lösen und darauf zu vertrauen, dass Beziehung im Alltag wächst. Kinder brauchen keine perfekten Eltern. Sie brauchen Bezugspersonen, die überwiegend feinfühlig reagieren, die bereit sind, ihr Kind verstehen zu wollen und nach schwierigen Momenten wieder in Verbindung zu gehen. Genau daraus entsteht Sicherheit.
Viele Mütter beschreiben ein einstudiertes Verhalten, wobei es wichtig ist, die richtigen Sätze zu sagen oder die richtigen Reaktionen zu zeigen. Sie sehen das kritisch.
Ja, weil Beziehung nicht aus Formulierungen entsteht. Kinder lernen vor allem durch das, was sie erleben, nicht durch perfekt eingeübte Sätze. Mir ist viel wichtiger, dass Eltern authentisch bleiben und ihrem Kind keine Angst machen. Ein Kind sollte nie das Gefühl haben, Liebe oder Zugehörigkeit verlieren zu können, wenn es Gefühle zeigt oder Bedürfnisse äußert. Viele Kommunikationsregeln aus dem Internet erzeugen neuen Anpassungsdruck, gerade bei Eltern, die ohnehin alles richtig machen wollen. Eigentlich geht es darum, den eigenen liebevollen Weg zu finden. Beziehung lebt von Echtheit, nicht von Perfektion.

Also eher so etwas wie: „Sei du selbst?“
Ja, natürlich innerhalb der Grenzen eines gewaltfreien und respektvollen Umgangs. Aber im normalen Familienalltag gilt tatsächlich: Sei freundlich zu deinem Kind. Nicht perfekt. Sondern überwiegend freundlich, zugewandt und verlässlich. Das ist viel wichtiger als jede pädagogische Technik.
Kommen wir zur Kita-Eingewöhnung. Warum fällt die manchen Kindern so schwer?
Kinder brauchen Sicherheit, um sich auf Neues einlassen zu können. Manche Kinder bringen von ihrem Temperament aus eine höhere Sensibilität mit und benötigen einfach mehr Zeit für Übergänge. Andere reagieren stärker auf Lärm oder viele Reize.
Auch die Gefühle der begleitenden Bezugsperson spielen eine Rolle. Kinder orientieren sich sehr stark an ihrer Umwelt. Deshalb lohnt es sich, Eingewöhnungen individuell zu gestalten und dem Kind ausreichend Zeit zu geben.
Oft heißt es, nicht das Kind, sondern der eingewöhnende Elternteil sei das eigentliche Problem.
So einfach ist es nicht. Natürlich nehmen Kinder die Gefühle ihrer Bezugspersonen wahr. Gleichzeitig haben Eltern oft nachvollziehbare Sorgen oder eigene Erfahrungen, die Trennungssituationen erschweren. Wichtig ist aber zu wissen: Kinder können zu mehreren Menschen sichere Bindungen aufbauen, wenn diese ihnen dauerhaft feinfühlig und verlässlich zur Verfügung stehen. Liebe wird nicht weniger, wenn Beziehungen wachsen. Im Gegenteil: Ein tragfähiges Netz aus sicheren Beziehungen stärkt Kinder in ihrer Entwicklung.
Was sind Ihre drei wichtigsten Tipps für Eltern?
Der erste ist Zeit. Kinder brauchen Zeit, um sich zu entwickeln, Dinge selbst auszuprobieren und Beziehungen wachsen zu lassen. Viele Konflikte entstehen, weil unser Alltag zu eng getaktet ist.
Der zweite ist Selbstfürsorge. Elternschaft ist intensive emotionale Arbeit. Pausen sind kein Luxus, sondern eine Voraussetzung dafür, feinfühlig begleiten zu können.
Und der dritte ist: Vergleicht euch weniger. Kinder entwickeln sich höchst unterschiedlich. Es gibt nicht den einen richtigen Weg. Familien dürfen ihren eigenen Weg finden, passend zu ihren Bedürfnissen und Möglichkeiten.

Zur Person:
Susanne Mierau ist Erziehungswissenschaftlerin, Familienbegleiterin und Autorin. Auf ihrem Blog „Geborgen Wachsen“ schreibt sie über bindungsorientiertes Aufwachsen. Ihr aktuelles Buch „Wurzelstark und flügelleicht“ ist im Kösel Verlag erschienen.




