Kinderwunsch

Ganz intim: Ein Buch über Kinderwunsch und After-Baby-Body

Menschen, SCHWANGERSCHAFT, Wissen

Die Gynäkologin Dr. Verena Breitenbach behandelt seit 20 Jahren Frauen in ihrer Praxis. Wir haben mit ihr über die Macht der Hormone, Kinderwunsch, Sex in der Schwangerschaft und das Glück des Kinderkriegens gesprochen.

Interview: Steffi Staiger

Verena Breitenbach ist ein Profi. Die Frauenärztin und erfolgreiche Buchautorin klingt am Telefon freundlich, konzentriert und zugewandt – eben genau so, wie sie seit 20 Jahren auch mit ihren Patientinnen in ihrer Praxis in Ehingen bei Ulm spricht. Ihr aktuelles Buch Ganz intim widmet sich einer breiten Palette von Fragen rund um den weiblichen Körper. Was ihr dabei besonders am Herzen liegt, ist eine ganzheitliche Sichtweise. Sie kombiniert klassische Schulmedizin mit komplementären Heilmethoden und möchte Frauen ermutigen, sich auf ihren Körper und ihre innere Stimme zu verlassen.

In Ihrem Buch „Ganz intim“ beleuchten Sie viele wichtige Stationen im Leben einer Frau. Eine prägende Erfahrung ist sicher die erste Schwangerschaft. Mit welchen Sorgen und Fragen kommen die meisten Erstgebärenden zu Ihnen?

Dr. Verena Breitenbach: Tatsächlich geht es den meisten werdenden Müttern hauptsächlich um die Gesundheit ihres Ungeborenen: Entwickelt sich das Baby gut, sind die Herztöne in Ordnung, liegt es richtig – das sind die wichtigen Fragen. Gefolgt von: Ernähre ich mich gesund, bewege ich mich ausreichend, was kann ich tun, damit es meinem Baby so gut wie möglich geht? Corona spielt bisher in meiner Praxis zum Glück keine so große Rolle.

Wobei ich auch Frauen erlebe, die im Moment ganz bewusst auf eine Schwangerschaft verzichten, weil ihnen die Umstände unter Corona zu unsicher sind und sie Sorge haben, dass das Virus doch auf den Fötus übertragen wird und schädlich für ihn sein könnte. Dazu gibt es bisher aber keine ausreichenden, aussagekräftigen Studien. Ansonsten gelten für Schwangere die gleichen Hygieneregeln wie für uns alle, um eine Infektion zu vermeiden.

Welche Rolle spielt es für die Schwangerschaft, dass Frauen ihren Kinderwunsch inzwischen immer weiter nach hinten verschieben?

Natürlich steigen mit einer späteren Schwangerschaft die Risiken, ein behindertes Kind auf die Welt zu bringen. Auch das Risiko für eine Fehl- oder Frühgeburt steigt an. Zudem haben ältere Schwangere eine stärkere Neigung zu Schwangerschaftskomplikationen, wie Schwangerschaftsdiabetes, Funktionsstörungen der Plazenta und andere. Doch das kann man nicht pauschal sagen. Ich habe sehr fitte ältere Erstgebärende in meiner Praxis, die sich gesund ernähren und bestens durch Schwangerschaft und Geburt kommen, ohne Probleme.

Aus biologischer Sicht ist eine Schwangerschaft mit Anfang, Mitte 20 am wahrscheinlichsten. Der erste große „Knick“ in der Fruchtbarkeit kommt mit 35 Jahren, und ab 40 sinken die Chancen auf eine natürliche Schwangerschaft stark. Trotzdem ist sie noch möglich. Wir leben inzwischen einfach in einer anderen Zeit als noch vor 30, 40 Jahren. Viele Frauen möchten zunächst ihr Studium absolvieren, wollen Zeit in Beruf und Karriere investieren. In dieser „Rushhour“ des Lebens wird der Kinderwunsch dann oft hintangestellt. Auch fehlt manchmal einfach der richtige Partner. Oder man denkt, man müsste erst das Haus abbezahlen, noch eine große Reise machen etc.

Ich rate meinen Patientinnen immer, in sich hinein zu hören: Wenn der Kinderwunsch da ist, sollte man nicht warten. Es gibt nie den perfekten Zeitpunkt für ein Baby. Aber den braucht es vielleicht auch gar nicht. Besser ein erfüllter Kinderwunsch, als es später zu bereuen und feststellen zu müssen, dass es nicht mehr funktioniert. Ich ermutige die Frauen, das für sich zu entscheiden. Männer sind leider oft auch zögerlich, was die Familienplanung angeht. Sie stehen aber auch altersmäßig nicht so unter Druck.

Kinderwunsch

Gehören ambivalente Gefühle zu einer Schwangerschaft dazu? Viele Frauen fiebern  ihrer Schwangerschaft lange entgegen, doch wenn sie dann eintritt, können sie diese Phase und das Wunder, das der Körper da gerade vollbringt, gar nicht richtig genießen … warum?

Zunächst einmal: Ambivalente Gefühle sind während der Schwangerschaft völlig normal. Immerhin wird durch ein Baby, gerade beim ersten Kind, das ganze Leben umgekrempelt. Das ist ein großer Einschnitt. Es wird leider immer noch tabuisiert, und Frauen sollen als Schwangere möglichst immer nur happy und strahlend und voller Vorfreude sein. Das geht aber nicht. Denn die anstehenden Veränderungen machen auch Angst. Man gewinnt etwas, aber verliert auch ein Stück altes Leben, Freiheit und Unabhängigkeit. Dass da die Emotionen Achterbahn fahren, ist völlig normal. Hinzu kommen noch die Hormone und die körperlichen Veränderungen.

Ich rate den Frauen, entspannt zu bleiben und sich Dinge zu suchen, die ihnen helfen, ihr inneres Gleichgewicht zu bewahren. Das kann Yoga sein oder Meditation oder Achtsamkeitstraining. Es hilft auch sehr, mit der Gynäkologin oder anderen Frauen offen zu reden und zu merken, dass man nicht alleine ist mit den Ängsten und Sorgen. „Schaffe ich das alles? Werde ich eine gute Mutter? Bleibt trotz Baby noch Zeit für mich?“ – das sind Fragen, die alle Frauen beschäftigen. Mutter zu werden ist eine große Herausforderung. Aber eine schöne. Man entwickelt neue Kräfte, die man vorher gar nicht kannte.

Für viele Frauen ist der „After Baby Body“ ein großes Thema: Sie möchten möglichst schnell ihr altes Gewicht und die frühere Figur wieder und achten schon während der Schwangerschaft penibel darauf, bloß nicht zu viel zuzunehmen. Was halten Sie davon?

Ich finde es schade, wenn Frauen sich die einmalige Zeit ihrer Schwangerschaft mit zu vielen Sorgen um ihre Figur verderben. Ich sage es mal so: Eine normalgewichtige Frau, die sich gesund ernährt, wird auch in der Schwangerschaft nicht übermäßig zunehmen. Der Gedanke, jetzt „für zwei“ essen zu müssen, ist längst überholt. Die Frauen wissen, dass eine gesunde, ausgewogene Ernährung wichtig ist und auch moderater Sport guttut. Von Diäten während der Schwangerschaft rate ich ausdrücklich ab. Wenn die werdende Mutter mangelernährt ist, kann sich das Ungeborene nicht optimal entwickeln und kommt oft zu früh und mit einem zu geringen Gewicht auf die Welt. Auch das Stillen wird schwer, und Schadstoffe gehen in die Muttermilch über.

Mein Rat ist: Weg vom Cosmopolitan-Ideal, hin zu einem gesunden Körpergefühl. Denn der Körper einer Frau weiß sehr genau, was er in dieser Zeit braucht. Wenn man es schafft, aufmerksam in sich hinein zu hören und hinein zu spüren, merkt man das. Ich empfehle den Frauen, die Zeit zu genießen, sich zu verwöhnen und zu pflegen und einen liebevollen Blick auf den eigenen Körper zu haben, der da gerade ein echtes Wunder vollbringt.

Trotzdem kommt oft die Frage auf: Wie viele Kilo darf bzw. sollte ich zunehmen während der Schwangerschaft?

Ich persönlich scheue da eine konkrete Zahl. Das baut nur schon wieder unnötigen Druck auf. Sicher kann eine sehr schlanke Frau etwas mehr zulegen; eine mehrgewichtige sollte etwas vorsichtiger sein Die Gewichtszunahme hängt vom Ausgangsgewicht der Mutter ab, je nach BMI darf sie unterschiedlich zunehmen.

Und wie sieht es aus mit Sex in der Schwangerschaft? Viele Frauen (und Männer) denken ja immer noch, dass Sex dem Fötus vielleicht schaden könnte …

Erlaubt ist, was beiden gefällt und was der Frau in der jeweiligen Phase guttut. Sex schadet dem Ungeborenen nicht. Viele Frauen erleben, dass sie sogar mehr Lust auf Sex haben, wenn der Bauch schon gewachsen ist und die Brüste auch. Das ist noch mal ein ganz anderes, sehr sinnliches Körpergefühl, das da entstehen kann. Aufpassen muss man, wenn Blutungen oder Wehen auftreten, wenn eine Frühgeburt droht oder bei einer Plazenta praevia. In dem Fall liegt die Plazenta über oder nahe am Gebärmutterhals, was zu Blutungen führen kann. Aber das kann der Gynäkologe sehen und mitteilen. Ansonsten ist beim Sex alles möglich und man sollte ihn auch genießen. Alles, was entspannt, tut gut.

Ihrer Erfahrung nach: Sind Männer im Kreißsaal eine wichtige Stütze? Oder geht es, z. B. bei Single-Müttern, auch gut oder vielleicht sogar besser mit weiblicher Unterstützung?

Im Idealfall kommt der Partner mit in den Kreißsaal. Ein Baby macht man ja nicht alleine, und die Geburt eines gemeinsamen Kindes ist eine prägende Erfahrung für ein Paar. Das schweißt zusammen. Ich finde es deshalb wichtig, dass die Männer ihre Partnerin in dieser Situation unterstützen und an ihrer Seite sind. Am besten bereiten sie sich vorher mit vor, zum Beispiel im Geburtsvorbereitungskurs.

Der Partner muss ja bei der Geburt nicht am Bettende stehen und zwischen die Beine schauen, wenn er oder sie das nicht möchte. Aber neben der Partnerin stehen, ihr die Hand halten, gut zureden, da sein – das ist schon essenziell. Wenn das nicht geht, weil es keinen Partner gibt oder der nicht dabei sein kann, ist eine andere vertraute Person wie die beste Freundin, die Schwester oder Mutter eine gute Alternative. Gerade Frauen, die auch schon Kinder geboren haben, können eine wertvolle Unterstützung sein.

Das Baby ist da, die Freude ist groß. Worauf kommt es in den Tagen und Wochen nach der Geburt besonders an?

Im Wochenbett, also in der Zeit nach der Entbindung, entwickelt sich eine intensive  Bindung zwischen Mutter und Kind. Für diese sechs bis acht Wochen, in denen sich das Stillen einspielt und sich der Körper von der Geburt erholt, sollten sich Frauen vor allem eines gönnen: Ruhe. Ruhe und Erholung. Ich sage immer: Handy aus, Besuch nur, wenn man es auch wirklich möchte. Und ansonsten die Zeit mit dem Baby und dem Partner und, wenn sie da sind, mit den Geschwisterkindern ganz bewusst genießen und sich kennenlernen.

Schön ist es, wenn man bekocht wird und nicht selber kochen muss. Auch eine Haushaltshilfe oder Putzfrau darf man sich in dieser Zeit ruhig gönnen. Die Hebamme kommt vorbei und schaut nach, ob alles richtig klappt und das Baby trinkt und entprechend zunimmt und sich entwickelt. Das Wochenbett sollte wirklich frei von Stress sein. Je entspannter die Frauen das erleben, umso besser klappt das Stillen. Sonst kann es auch zu Brustentzündungen und Milchstaus kommen, und die sind sehr schmerzhaft. Auch erste kleine Spaziergänge mit dem Baby sind okay, wenn man sich danach fühlt und an die frische Luft möchte.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit Frauen, die an einer postpartalen Depression erkranken?

Nach der Entbindung ein paar Tage den „Babyblues“ zu haben und auch mal zu weinen oder sich überfordert zu fühlen, ist normal. Die Situation mit Kind ist komplett neu, die Hormone spielen verrückt. Aber wenn sich die Niedergeschlagenheit und die Antriebslosigkeit halten und keine Besserung eintritt, sollte ein Psychologe bzw. eine Psychologin zurate gezogen werden. Das empfehle ich auch in meiner Praxis. Denn eine postpartale Depression ist (wie jede Depression) eine ernstzunehmende Erkrankung und gehört in fachkundige Behandlung.

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Was halten Sie von Schönheitsoperationen nach der Geburt? Regelrecht in Mode gekommen ist auch bei uns inzwischen das „Mommy Makeover“, ein chrirurgischer Eingriff, bei dem Brüste und Bauchdecke gestrafft werden. Oder auch die Vaginalverjüngung, die häufiger gefragt wird.

Generell denke ich, dass sich vieles mit Bewegung, Ernährung und zum Beispiel gezieltem Beckenbodentraining erreichen lässt. Die Rückbildung ist ein natürlicher Prozess nach einer Schwangerschaft und Geburt, und der dauert eben seine Zeit. Manche Frauen haben Glück, da geht es schneller und die alte Figur ist wieder da. Bei anderen dauert es länger. Aber das ist auch nicht so wichtig. Wichtig ist, ein gesundes Kind auf die Welt gebracht zu haben. Und auf diese Leistung und auf ihren Körper dürfen die Frauen stolz sein.

Wenn sich eine Frau nun partout nicht wohl fühlt und einen chirurgischen Eingriff in Erwägung zieht, ist das ihre persönliche Entscheidung. Sie sollte es dann aber auch für sich selber machen – und nicht etwa für den Partner. Grundsätzlich warne ich aber auch davor, denn jede OP birgt Risiken. Es können sich unschöne Narben bilden, es ist mit Schmerzen verbunden. Oft ist das Gefühl, gerade bei einer Vaginalverjüngung, auch nicht mehr dasselbe wie vorher. Es werden Nervenbahnen durchtrennt. Also, nur aus rein ästhetischen Gründen bin ich immer etwas zwiegespalten. Wie gesagt: Auch mit Beckenbodentraining lässt sich die Orgasmusfähigkeit verbessern. Ich denke, etwas mehr Akzeptanz würde uns allen da guttun. Der Körper darf sich doch auch verändern und muss nicht immer aussehen wie mit Anfang 20.

Das ist auch die Botschaft in Ihrem Buch an Frauen: achtsam und nachsichtig mit sich umzugehen und einen liebevollen Blick auf den eigenen Körper und das Frausein zu kultivieren. Kommt Ihnen das in der heutigen Zeit zu kurz – müssen wir alle immer nur perfekt „funktionieren“?

Wir leben natürlich in einer Zeit, in der das Funktionieren an vorderster Stelle steht. Familie, Job, Haushalt, alles soll möglichst perfekt organisiert sein. Hinzu kommt Druck aus den (sozialen) Medien. Für viele Frauen bedeutet das permanenten Stress. Ich würde mir wünschen, dass es etwas mehr Entspannung gibt im Umgang mit sich selbst und auch mit den Kindern. Wenn man es schafft, bei sich zu sein, dann spürt man ganz intuitiv, was einem guttut – und was dem Kind guttut.

Wir alle haben eine „innere Mutter“ in uns, eine innere Stimme, die im Grunde ein ganz guter Ratgeber ist. Wichtig ist nur, diese innere Stimme auch zu hören. Dabei hilft Meditation, Yoga und Achtsamkeitstraining. Wenn wir gut für uns und unseren Körper sorgen, lässt sich der Alltag mit all seinen Herausforderungen auch bewältigen und wir können zufrieden sein. Ohne Perfektionszwang.

In all den Jahren als Frauenärztin: Was ist für Sie persönlich immer noch das Schönste an Ihrem Beruf?

Für mich ist es das Schönste, Frauen in den ganz unterschiedlichen Phasen ihres Lebens beraten zu können, helfen zu können und fachliche Unterstützung zu bieten. Ich möchte ihnen die Angst vor dem Frauenarztbesuch nehmen und jemand sein, mit dem sie offen über alle Fragen und Probleme reden können. Natürlich habe auch ich einen vollen Terminkalender und einen straff organisierten Praxisalltag. Und der Zeitdruck ist oft nicht so toll. Aber das Menschliche darf nicht auf der Strecke bleiben. Ich erlebe Frauen in sehr glücklichen, aber auch traurigen Situationen. Meine Aufgabe ist es, sie immer da zu unterstützen, wo sie gerade stehen. Und das ist das Schöne an diesem Beruf.

Zur Person:

Breitenbach Ganz intimVerena Breitenbach ist Frauenärztin, Fitnesstrainerin und Autorin. In ihrer Praxis in Ehingen bei Ulm behandelt und berät sie seit über 20 Jahren Mädchen und Frauen. Besonders wichtig ist ihr, Schulmedizin mit komplementären Heilmethoden sinnvoll zu kombinieren und präventiv zu arbeiten. Sie hat mehrere Bücher veröffentlicht und ist als gynäkologische Expertin in den Medien präsent.

 

 

 

 

Bilder: Gettyimages

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