Mehr Babys bitte: Was Staaten weltweit tun, um ihre Geburtenrate zu steigern
FAMILIE
In den 1960er Jahren brachten Frauen weltweit im Durchschnitt fünf Kinder zur Welt. Heute sind es weniger als drei, in vielen Industriestaaten sogar unter 1,5. Die Antworten der Regierungen auf diese demografische Herausforderung reichen von großzügigen Geldleistungen über staatliche Dating-Apps bis zu einer Steuer auf Kondome. Was Staaten tun, um die Geburtenrate zu steigern.
Im Jahr 2025 lag die Zahl der Lebendgeburten in Deutschland mit 654.300 Kindern auf dem niedrigsten Niveau seit acht Jahrzehnten. Deutschland ist damit kein Einzelfall. Schon 2024 verzeichneten 20 von 27 EU-Staaten mehr Todesfälle als Geburten. Weltweit suchen Regierungen nach Antworten, mit sehr unterschiedlichen Ansätzen, die einen faszinierenden Einblick in die kulturellen und politischen Prioritäten der jeweiligen Länder geben.
Wir zeigen was Staaten weltweit tun um die Geburtenrate zu steigern:
Japan: Kostenlose Geburten, Vier-Tage-Woche und staatliche Dating-App
Japan kämpft seit Jahrzehnten mit einer der niedrigsten Geburtenraten der Industriestaaten. Im Jahr 1973 wurden in Japan noch über zwei Millionen Kinder geboren. Seitdem sinkt die Zahl kontinuierlich, die Marke von einer Million wurde 2016 unterschritten. Die Geburtenrate lag zuletzt bei 1,14 Kindern pro Frau und ist damit eines der niedrigsten Niveaus weltweit.

Die Reaktionen der japanischen Regierung sind mittlerweile so vielfältig wie verzweifelt:
Geburten werden ab 2026 kostenlos. Die Regierung will ab 2026 die Geburtskosten komplett über die Krankenversicherung übernehmen, nachdem bisherige Maßnahmen wie höheres Kindergeld und kostenlose Kitas nicht ausreichend waren.
Milliarden für Familien. Die Regierung plant, im Haushaltsjahr 2026 zunächst 600 Milliarden Yen (ca. 3,7 Milliarden Euro) an Unterstützungsgeldern bereitzustellen. Im Geschäftsjahr 2028 soll dieser Betrag auf 1 Billion Yen (ca. 6,1 Milliarden Euro) erhöht werden.
Vier-Tage-Woche als Familienmodell. Tokios Stadtverwaltung ermöglicht ihren Mitarbeitenden ab April 2025 eine Vier-Tage-Woche. Ziel ist es, Japans niedrige Geburtenrate zu erhöhen. Ein radikaler Schritt in einem Land, das für seine Arbeitskultur bekannt ist und das sogar ein eigenes Wort für „Tod durch Überarbeitung“ hat: Karoshi.
Staatliche Dating-App. Die Stadtverwaltung Tokio hat eine Dating-App ins Leben gerufen. Durch die offizielle Verbindung zur Stadtverwaltung und strenge Mitgliedsregeln soll die App insbesondere Nutzer anziehen, die ernsthaft an einer Ehe oder Familiengründung interessiert sind. Die App verlangt von ihren Nutzern nicht nur Angaben zur Person und Ausbildung, sondern auch ein Versprechen, die Plattform mit dem Ziel der Heirat und nicht für kurzfristige Beziehungen zu nutzen.
Ob all das hilft, ist unter Experten umstritten. Japans harte Wettbewerbsgesellschaft mit langen Arbeitszeiten, hohem Bildungsdruck und wenig Zeit für Familie macht das Kinderkriegen unattraktiv, obwohl die finanzielle Unterstützung ausgebaut wurde.
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Südkorea: Das teuerste Experiment der Welt – mit wenig Erfolg
Südkorea hat die niedrigste Geburtenrate aller Länder weltweit. Zuletzt lag sie bei erschreckenden 0,75 Kindern pro Frau. Das Land zahlte in den letzten 16 Jahren 270 Milliarden Dollar an Eltern aus, um einen Anreiz fürs Kinderkriegen zu schaffen. Dennoch sinkt die Geburtenrate weiter.
Neben Geldleistungen setzt Südkorea auf ungewöhnlichere Maßnahmen: Es veranstaltet staatlich geförderte Dating-Events. Speed-Dating und Begegnungsveranstaltungen für Singles, organisiert und mitfinanziert vom Staat, mit dem ausdrücklichen Ziel, Ehen und damit Nachwuchs zu fördern. Auch kostenlose Hochzeitshallen werden von Kommunen zur Verfügung gestellt, um die hohen Heiratskosten zu senken – ein oft genannter Grund, warum viele junge Koreaner das Heiraten und das Gründen einer Familie aufschieben.
Italien: Geburtenförderung ist jetzt Chefsache
Italien steht vor einem demografischen Abgrund. Im Jahr 2022 erreichte Italien mit 393.000 Geburten ein neues Allzeittief; die Zahl der Todesfälle war mit 713.000 fast doppelt so hoch. Italiens Bevölkerung schrumpft seit Jahren.
Ministerpräsidentin Giorgia Meloni hat die Geburtenförderung zur Chefsache erklärt und dabei offen Ungarn als Vorbild bezeichnet. Die rechtsgerichtete italienische Regierung hat im neuen Haushalt 1 Milliarde Euro zur Förderung der Geburtenrate vorgesehen. Zu den Maßnahmen gehören finanzielle Hilfen für Arbeitnehmerinnen mit mindestens zwei Kindern, die Verlängerung des freiwilligen Elternurlaubs und die Aufstockung des Betreuungsgeldes, allerdings nur für das zweite Kind.
Konkret wurden eingeführt: 1.000 Euro für Eltern von Neugeborenen mit niedrigem Haushaltseinkommen sowie eine Ausweitung der Steuerbefreiung für berufstätige Mütter mit zwei oder drei Kindern. Für 2026 wurden die Investitionen auf 1,6 Milliarden Euro erhöht.
Was die Wirkung bremst: Meloni setzt zwar auf finanzielle Anreize, vernachlässigt aber strukturelle Maßnahmen. Kinderbetreuungsplätze sind in Italien nach wie vor rar, insbesondere im Süden. Gleichzeitig hat ihre Regierung Abtreibungsgegnern Zugang zu Kliniken gewährt und Leihmutterschaft als Verbrechen eingestuft. All das sind Maßnahmen, die das Verhältnis vieler junger Frauen zur Familienpolitik belasten dürften.
Frankreich: Europas Musterland in Sachen Geburtenförderung
Frankreich gilt seit Jahrzehnten als das erfolgreichste europäische Land in Sachen Geburtenförderung mit einer Geburtenrate von 1,56, die zwar zuletzt gesunken ist, aber nach wie vor zu den höchsten in der EU gehört. Das französische Modell basiert auf einem umfassenden Paket: Familien erhalten mit jedem zusätzlichen Kind höhere Steuerentlastungen. Hinzu kommen umfangreiche Beihilfen für Kinderbetreuung, Wohnkostenbeihilfen für Familien und sogar eine Umzugsprämie für Familien, die in eine größere Wohnung ziehen müssen. Das Grundprinzip: Der Staat macht es finanziell attraktiver, mehr Kinder zu haben – Schritt für Schritt, nicht mit einer Einmalzahlung.

Schweden, Dänemark und Finnland: Der nordische Weg der Geburtenförderung
Die skandinavischen Länder gelten seit Jahrzehnten als Referenzmodell in der Familienpolitik, nicht weil sie mit Geldprämien locken, sondern weil sie strukturell ansetzen.
In Skandinavien zielt die Familienpolitik schon lange vor allem auf eine stärkere Einbindung von Frauen in den Arbeitsmarkt ab, wobei es gleichzeitig Familien ermöglicht werden soll, so viele Kinder wie gewünscht zu haben. Familien werden daher nahtlos durch Elternzeit-Angebote, umfangreiche Kinderbetreuung sowie flexible Arbeitszeitmodelle unterstützt.
Schweden: Die „Geschwindigkeitsprämie“ für Geschwister
Schweden hat ein besonders cleveres Instrument entwickelt: Eltern, die ihr zweites oder weiteres Kind innerhalb eines bestimmten Zeitraumes nach dem zuvor geborenen Kind bekommen, können Elterngeld auf der Basis jenes Einkommens erhalten, das sie vor der Geburt des zuvor geborenen Kindes hatten. Eine Verringerung des Einkommens – etwa durch Elternzeit, Teilzeitbeschäftigung oder Erwerbsunterbrechung – wirkt sich somit nicht auf die Höhe des Elterngeldes bei einer folgenden Geburt aus. Diese sogenannte „Geschwindigkeitsprämie“ setzt einen Anreiz, die Geburt von weiteren Kindern nicht zu lange aufzuschieben.
Dazu kommt ein großzügiges Elterngeldmodell: In Schweden erhalten Eltern während der Elternzeit 80 Prozent ihres bisherigen Einkommens. Die Elternzeit beträgt insgesamt 16 Monate, davon 13 Monate mit Lohnersatzleistung. Und seit den 1990er Jahren sind fixe „Väter-Monate“ reserviert – Zeit, die verfällt, wenn der Vater sie nicht nimmt.
Dänemark: 100 Prozent Lohnersatz und Vollzeit-Mütter als Norm
In Dänemark erhalten Eltern während der Elternzeit 100 Prozent ihres bisherigen Einkommens bis zu einer bestimmten Obergrenze. Das ist europaweit einzigartig. In Dänemark arbeiten 72 Prozent der Mütter in Vollzeit. Zum Vergleich: in den Niederlanden sind es nur 24 Prozent. Die flächendeckende, günstige Kinderbetreuung macht es möglich, dass Beruf und Familie in Dänemark keine Gegensätze sind.
Finnland: Kinderbetreuung als staatliche Pflicht
Finnland führte als eines der ersten Länder ein Recht auf einen staatlich garantierten Kinderbetreuungsplatz ein, unabhängig davon, ob beide Elternteile arbeiten oder nicht. Finnland führte in den 1980er-Jahren außerdem ein Kinderbetreuungsgeld ein, das es insbesondere arbeitslosen Frauen ermöglichte, die Zeit wirtschaftlicher Krisen zu überbrücken.
Trotz aller Maßnahmen: Die Geburtenrate sinkt auch in nordischen Ländern
Lange Zeit galten Norwegen, Schweden und Finnland als Musterschüler in Sachen Familienpolitik. Mittlerweile sinken auch dort die Geburtenraten. Das nordische Modell hat also die Geburtenrate stabilisiert, aber nicht dauerhaft umgekehrt. Was es aber geschafft hat: Frauen müssen dort seltener zwischen Karriere und Kindern wählen als in den meisten anderen Ländern. Vereinbarkeit ist möglich und wird nicht nur finanziell, sondern auch strukturell gefördert.
China: Kondomsteuer statt Einkindpolitik
Ausgerechnet China, das jahrzehntelang mit der Einkindpolitik Geburten per Gesetz verhindert hat, dreht jetzt an der anderen Stellschraube. Seit 1. Januar erhebt China auf Kondome eine Steuer von 13 Prozent. Bisher waren Verhütungsmittel dort steuerbefreit. Die Erhöhung soll dazu beitragen, dass wieder mehr Babys zur Welt kommen, wird aber laut einem Artikel in „The Lancet“ wahrscheinlich auch zu mehr sexuell übertragbaren Krankheiten führen. Ungewollte und Teenager-Schwangerschaften könnten sich nun wohl ebenfalls häufen, so die Einschätzung. Zum Vergleich: In den 1960er Jahren brachten Frauen in China im Durchschnitt sieben Kinder zur Welt.
USA: Der „Fertilization President“ und seine Trump Accounts
Die Gesamtgeburtenrate in den USA sank 2025 auf 1,6 Kinder pro Frau. Das ist ein historischer Tiefstand, der im April 2026 eine heftig polarisierte politische Debatte ausgelöst hat.
Donald Trump, der sich selbst zum „Fertilization President“ ernannt hat, setzt auf einen ungewöhnlichen Mix aus Rhetorik und konkreten Maßnahmen, bei denen es einen entscheidenden Widerspruch gibt.
Das Herzstück der Familienpolitik: Die Trump Accounts
Im Juli 2025 wurde der „One Big Beautiful Bill Act“ unterzeichnet, der sogenannte „Trump Accounts“ für jeden neugeborenen US-Bürger einführt. Jedes zwischen 2025 und 2028 geborene Kind erhält automatisch ein steuerlich begünstigtes Sparkonto mit einem staatlichen Startguthaben von 1.000 Dollar. Eltern können bis zu 5.000 Dollar jährlich einzahlen, Arbeitgeber zusätzlich bis zu 2.500 Dollar. Das Geld kann nicht vor dem 18. Geburtstag abgehoben werden – danach steht es für Ausbildung, Hauskauf oder als Altersvorsorge zur Verfügung.
Die Widersprüche im amerikanischen Alltag
Was die Maßnahme in der Praxis bremst: Gleichzeitig wurde die Medicaid-Finanzierung für Planned Parenthood für ein Jahr gestoppt, was rund 50 Kliniken zur Schließung zwang. Planned Parenthood bietet dabei ein breites Spektrum an Frauengesundheitsleistungen, von Vorsorgeuntersuchungen bis zur ersten pränatalen Betreuung. Kritikerinnen erklärten, dass ein 1.000-Dollar-Baby-Bonus in vielen Städten nicht einmal die Monatsmiete decken würde.
Auch strukturelle Maßnahmen wie bezahlte Elternzeit, die in fast allen anderen Industriestaaten Standard sind, fehlen in den USA nach wie vor.

Australien: Sechs Monate Elternzeit und Rente inklusive
Australien verfolgt einen deutlich strukturierteren Ansatz in der Familienpolitik und hat gerade einen bemerkenswerten Schritt gemacht, der weltweit Beachtung findet.
Elternzeit wird auf 26 Wochen ausgebaut
Ab dem 1. Juli 2026 können australische Eltern bis zu 26 Wochen staatlich geförderter Elternzeit in Anspruch nehmen, sechs Monate basierend auf einer Fünf-Tage-Woche, bezahlt zum gesetzlichen Mindestlohn von rund 948 Dollar pro Woche.
Väter werden aktiv eingebunden
Das australische Modell setzt bewusst auf geteilte Elternschaft: Mindestens drei Wochen der gesamten Elternzeit müssen vom zweiten Elternteil genommen werden, ab 2026 steigen diese reservierten Wochen auf vier an. Diese Wochen sind nicht übertragbar und verfallen, wenn der Vater sie nicht nutzt.
Die weltweite Premiere: Rente auf Elternzeit
Ab dem 1. Juli 2025 erhalten australische Eltern erstmals auch Rentenbeiträge auf ihre staatliche Elternzeit. Konkret zwölf Prozent der Elterngeldleistung fließen in den Pensionsfonds. Das bedeutet rund 4.000 Dollar mehr im Ruhegeld für Eltern, die sich Zeit für ihr Neugeborenes nehmen. Das ist weltweit einzigartig und adressiert einen der häufigsten Gründe, warum Frauen Kinder und Karriere als unvereinbar empfinden: die langfristigen Altersvorsorge-Einbußen durch Elternzeit.
Der Baby-Bonus wurde abgeschafft
Australien hat eine lange Geschichte mit direkter Geburtenförderung. Im Jahr 2004 führte die Regierung einen universellen Baby-Bonus von 3.000 Dollar pro Kind ein, der später auf 5.000 Dollar erhöht wurde. Dieser Baby-Bonus wurde mittlerweile abgeschafft, der Fokus der australischen Familienpolitik liegt heute auf strukturellen Maßnahmen.

Kein Land hat die perfekte Antwort auf sinkende Geburtenzahlen
Der Blick auf die Maßnahmen rund um den Globus zeigt vor allem eines: Es gibt kein universelles Rezept gegen den Geburtenrückgang. Jedes Land experimentiert, jedes Land scheitert an anderen Stellen und fast überall bleibt die Wirkung hinter den Erwartungen zurück.
Was die Forschung dennoch zunehmend klar belegt: Geld allein bewegt keine Entscheidungen hin zu mehr Kindern. Was dagegen nachweislich wirkt, ist strukturelle Unterstützung, also die Frage, ob sich Kinder und ein eigenes Leben überhaupt vereinbaren lassen. Die Länder, die Frauen in den Mittelpunkt ihrer Familienpolitik stellen – ihre Gesundheit, ihre Altersvorsorge, ihre berufliche und gesellschaftliche Gleichstellung – schneiden besser ab als jene, die Mütter vor allem als demografische Ressource betrachten. Die Lehre aus dem internationalen Vergleich lautet deshalb nicht, mehr Geld auszugeben, sondern es an den richtigen Stellen einzusetzen.


















