Geschwisterkind: Gibt es den idealen Altersabstand?

FAMILIE, SCHWANGERSCHAFT, Wissen

Für Eltern ist es gar nicht so einfach, den richtigen Zeitpunkt für ein zweites (oder drittes) Kind zu finden. Was kann für die Entscheidung ausschlaggebend sein und wie kann man Rivalität zwischen Geschwistern vermeiden? Unsere Autorin Ragnhild Deschner hat sich dazu Gedanken gemacht und außerdem mit der Elternratgeberautorin Nicola Schmidt gesprochen.

Von Ragnhild Deschner
Meine Tochter war 15 Monate alt, als wir über ein zweites Kind nachgedacht haben. Die Jobsuche auf Teilzeit gestaltete sich schwieriger als gedacht und irgendwie passte der Zeitpunkt für uns gut. Es klappte sehr schnell mit der zweiten Schwangerschaft, und so war meine Tochter genau zwei Jahre und drei Wochen alt, als ihr kleiner Bruder auf die Welt kam.
Wir haben von Anfang an versucht, ihr so gut wie möglich verständlich zu machen, was da auf sie zukommt. Dass sie eine große Schwester wird, dass da ein ganz kleines Baby in Mamas Bauch ist. Natürlich weiß ich nicht, wie viel der langen Erklärungen sie verstanden hat. Aber sie war immer sehr liebevoll zu meinem Schwangerschaftsbauch, kuschelte sich daran, streichelte ihn, zeigte auf ihn und sagte: „Baby“.

Warum kommt es zu Rivalitätsverhalten unter Geschwistern?

Wir dachten uns also, das wird bestimmt schön mit dem zweiten Kind! Unsere Tochter halten wir für empathisch und liebevoll. Und das ist sie auch. Was da in ihrem kleinen Gehirn allerdings vor sich ging bei den ganzen Erklärungen und als dann das neue Baby da war, konnten wir natürlich nur erahnen.

Rivalitaet
„Rivalitätsverhalten unter Geschwistern ist völlig normal“, sagt auch die Elternratgeber-Autorin und Wissenschaftsjournalistin Nicola Schmidt, mit der ich über das Thema spreche. „Bis vor 200 Jahren war es für Kinder unter fünf Jahren ein gesundheitliches Risiko, ein Geschwisterchen zu bekommen. Die größeren Kinder blieben oft untergewichtig und hatten Folgeschäden. Das Essen war damals nicht selten so knapp, dass die älteren Kinder gezwungenermaßen kürzer kamen als die Neugeborenen. Dieses Wissen hat sich tief im Homo sapiens verankert, weswegen der Rivalitätsgedanke unter Geschwistern bis heute Bestand hat.“
So ein richtiges Rivalitätsverhalten kann ich bisher noch nicht an meinen beiden Kindern beobachten. Allerdings ist meine Große sehr schnell sehr anstrengend geworden. Mit zwei Jahren beginnt bekanntlich die Autonomiephase, und sie wehrte sich oft gegen ganz alltägliche Dinge. Der Stress mit ihr war so groß, dass ich nicht merkte, wie die Muttermilch für meinen Zweitgeborenen langsam versiegte. Wahrscheinlich spielten dabei auch andere Faktoren eine Rolle, aber ich fühlte mich oft so überfordert von der Großen, dass ich nicht wie geplant jahrelang stillen konnte, sondern nur drei Monate. Diese Tatsache hängt mir bis heute nach und lässt mich etwas zurückhaltender in die Zukunft blicken.

Wann ist der richtige Zeitpunkt für ein weiteres Kind?

Ein drittes Kind im selben Abstand? Eher nicht, da lasse ich lieber eine drei- oder vierjährige Lücke. „Für größere Kinder ist es viel leichter, ein neues Geschwisterchen zu akzeptieren. Natürlich kann man das nicht pauschal sagen, aber zwischen drei und sechs Jahren ist das optimale Alter, um ein großer Bruder oder eine große Schwester zu werden“, bestätigt Nicola Schmidt meine Gedanken. „Als Faustregel kann man sich vielleicht fragen: Kann mein erstes Kind seine Bedürfnisse schon so gut hintanstellen, dass ich in Ruhe das neue Baby stillen und danach eventuell sogar noch die Toilette benutzen kann? Es gibt Zweijährige, die können schon gut 20 Minuten warten, es gibt aber auch Vierjährige, die sich schwertun wenn ihre Bedürfnisse nicht gleich erfüllt werden.“

Diese Faustregel finde ich sehr hilfreich und hätte sie gerne schon vorher gekannt. Denn das Wort „gleich“ hat meine Tochter noch nie verstanden, bis heute nicht, was sehr oft zu Spannungen führt. „Es kursiert dieser Mythos, dass Geschwister zeitlich möglichst nah beieinander sein sollen, damit sie gut zusammen spielen und sich später auch gut verstehen. Volle drei Jahre sind aber viel eher ein guter Abstand für Geschwister. Allein der Körper der Mutter braucht schon zwei Jahre, um sich von einer Schwangerschaft zu erholen. Oft werden Frauen aber bereits ein Jahr oder anderthalb Jahre nach der ersten Geburt wieder schwanger“, erklärt Schmidt.

Kinder können auch wenn sie noch ganz klein sind sagen, dass sie kein neues Geschwisterchen wollen. „Dieses Gefühl darf man auf keinen Fall unterdrücken. Es bringt überhaupt nichts, zu sagen, dass das doch ganz toll wird mit einem neuen Baby und dass das ja so süß ist. Es ist sinnvoller, die Ängste des Kindes ernst zu nehmen und mit ihm darüber zu sprechen: Ja, du hast Recht, ein Baby ist auch anstrengend und weint viel. Aber das wird irgendwann besser. Ich weiß auch noch nicht, wie das alles werden soll. Aber die Oma kann uns ganz viel helfen, wenn das neue Baby da ist. Das sind alles Sätze, die Kinder schon verstehen können und bei denen sie sich ernst genommen fühlen. Schließlich ist ein neues Kind auch für die Eltern eine Herausforderung und das dürfen sie auch kommunizieren“, erklärt Nicola Schmidt.

Wenn die Großen wieder klein sein wollen

Das erste Zusammentreffen meiner beiden Kinder war übrigens zum Dahinschmelzen. Meine Tochter holte mich mit meinem Mann im Krankenhaus ab, unser Sohn war erst ein paar Stunden zuvor geboren worden. Sie wollte das Baby unbedingt auf den Arm nehmen und war völlig fasziniert, dass es auch eine Nase, einen Mund, Arme und Füße hatte. Sie hat gleich gekuschelt und war ganz leise und vorsichtig.

„Grundsätzlich freuen sich Kleinkinder über das Baby. Für sie ist es ein bisschen wie ein neues Spielzeug. Wenn das Geschwisterchen dann erst mal da ist, ist es aber auch typisch für die Erst- oder vorher Geborenen, dass sie retardieren. Sie wollen plötzlich wieder eine Windel, obwohl sie schon trocken sind, brauchen ganz dringend ihren Nucki oder wollen nur noch getragen werden. Auch Bettnässen ist eine verbreitete Reaktion. Oft will das größere Kind nicht mehr in den Kindergarten, das Baby ist ja schließlich auch zu Hause. Manche wollen dagegen gerade jetzt unbedingt in den Kindergarten, weil sie dort ihre Ruhe haben und wieder ,Einzelkind‘ sein können“, erzählt Schmidt.

Familienplanung

Kinder mögen keine Vergleiche

Nach der Geburt unseres zweiten Kindes wurde es schnell anstrengend mit der Größeren. Sie war doch eigentlich schon so weit, konnte so gut sprechen und brauchte keine Windel mehr. Mein Geduldsfaden mit ihr war manchmal leider sehr kurz. Und auch heute sage ich noch Sätze wie: „Dein kleiner Bruder braucht seinen Nucki auch nicht mehr so oft, du bist doch schon groß. Du brauchst ihn auch nicht mehr.“

Nicola Schmidt betont wie wichtig es ist, den Zusammenhalt bei Geschwistern schon ganz zu Anfang zu fördern – was nie mit Vergleichen funktioniert! „Geben Sie jedem Kind immer das Gefühl, dass es geliebt wird, wie es ist. Vergleichen Sie nicht. Schreien Sie nicht. Ziehen Sie kein Kind dem anderen vor. Das ist immer schwer, weil einem oft ein Kind näher ist als die anderen. Das dürfen Sie Ihre Kinder aber nie spüren lassen. Es ist hilfreich, Alleinzeit mit den einzelnen Kindern zu verbringen. Da reichen oft schon 15 Minuten, die man vielleicht mit dem kleineren Kind auf dem Spielplatz verbringen kann, bevor man das größere von der Schule abholt. Mit dem Großen könnte man sich zum Beispiel abends noch hinsetzen und eine Geschichte lesen.“

So förderst du den Zusammenhalt der Geschwister

Nach dem Gespräch mit Nicola Schmidt weiß ich, dass ich in meinem ersten Jahr mit zwei Kinder einiges richtig, aber auch viele Fehler gemacht habe. Dabei sollten wir auch nicht vergessen, dass es menschlich und völlig natürlich ist, von seinen Kindern gestresst und überfordert zu sein und manchmal den Wald vor lauter Erziehungsratschlägen nicht mehr zu sehen. Ich möchte, dass meine Kinder eine gute Bindung zueinander haben. Bestimmt werden sie sich in naher Zukunft auch mal die Köpfe einhauen, aber sie sollen zusammenhalten, wenn es darauf ankommt, wenn das Schicksal mal zuschlägt.
Einen letzten Tipp hat Nicola Schmidt noch: „Geben Sie den Kindern gemeinsame Aufgaben, sobald sie groß genug sind. Zum Beispiel das gemeinsame Spielzimmer aufräumen, damit alle zusammen noch ein Eis essen gehen können. Das fördert den Teamgeist und den Zusammenhalt.“ Wenn dieser Plan aufgeht, habe ich in naher Zukunft Kinder mit einer guten Beziehung zueinander – und immer ein aufgeräumtes Spielzimmer!
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Bilder: Gettyimages

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