Leisure Gap – Warum haben Mütter kaum Zeit für sich selbst?
FAMILIE, Freizeit, MUM, Wohlfühlen
Freizeit ist nicht nur eine Frage der Einteilung, sondern auch der Verteilung. Und oft gehört sie nicht denjenigen, die sie am dringendsten brauchen: den Müttern. Unsere Autorin Evelyn Höllrigl Tschaikner erklärt, warum der Leisure Gap in vielen Paarbeziehungen zum Alltag gehört und was man besser machen kann damit Frauen trotz Kinder und Verpflichtungen mehr Freizeit haben.
38 Minuten. Das ist ein langer Power-Nap, eine Folge Gilmore Girls, ein Kapitel im Buch, das seit Wochen auf der To-Read-Liste steht oder das Telefonat mit der Freundin, das man ohnehin schon viel zu lange aufschiebt. 38 Minuten ist die Zeit, die Müttern jeden Tag an Freizeit fehlt. Das ist der sogenannte Leisure Gap.
Was ist eigentlich ein Gender Gap?
Aber von vorn: Es gibt viele Gender Gaps. Einige kennt ihr vielleicht schon: den Gender Pay Gap, den Gender Health Gap, den Gender Care Gap, den Gender Data Gap. Dabei beschreibt ein Gender Gap die systematische Ungleichbehandlung oder ungleiche Verteilung von Ressourcen, Chancen oder Belastungen zwischen den Geschlechtern. Diese Lücken sind keine individuellen Verfehlungen, sondern Ausdruck gesellschaftlicher Strukturen aber auch erwarteter Rollenbilder. Sie zeigen sich im Einkommen, in der Gesundheitsversorgung und auch in der Aufteilung von Zeit – von Arbeitszeit, aber durchaus auch von Freizeit und geben somit dem Leisure Gap einen Namen.

Die sogenannte Freizeitlücke zeigt auf, dass in heterosexuellen Partnerschaften Männer im Durchschnitt mehr freie, ungebundene Zeit zur Verfügung haben als Frauen. Sie gehen zum Sport, treffen Freunde, fahren Rennrad oder Motorrad, kurzum: sie pflegen ihre Hobbys. Oder aber sie verbringen einfach Zeit allein, ganz ohne Unterbrechung oder im Kopf schon bei der Kindergeburtstagpartyplanung vom Dreijährigen zu sein. Und das ganze 38 Minuten pro Tag, also 19 Stunden pro Monat und 9,6 Tagen pro Jahr (laut Zeitverwendungserhebung des Statistischen Bundesamtes).
Und wer jetzt denkt: „Tja, aber Väter sind halt auch meistens diejenigen, die Vollzeit arbeiten!“ die muss ich enttäuschen: Frauen ab 18 Jahren arbeiten pro Woche im Schnitt rund 1,5 Stunden mehr als Männer. Das hat eine Analyse des Statistischen Bundesamtes ergeben (laut Zeitverwerwendungserhebung des Statistischen Bundesamtes). Selbst wenn Erwerbs- und Sorgearbeit geteilt werden, bleibt am Ende des Tages meist mehr echte Erholung auf dem Konto der Herren.
In die Berechnung fließen (zurecht) nicht nur bezahlte Jobs ein, sondern auch all die unbezahlte Arbeit, die im Alltag oft unsichtbar bleibt: Haushalt, Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen. Care-Arbeit die nach wie vor zu 44,3 % mehr von Frauen übernommen wird. Sie sind es, die zuständig sind, wenn das Kind krank wird, die den Marmorkuchen für das Schulfest backen, die nachts um vier Fiebersaft dosieren. Und ja, es ist dann auch wenig überraschend, wenn die Freizeit für sie zu kurz kommt oder meist fragmentiert ist – zehn Minuten hier, fünfzehn Minuten dort – während Männer eher zusammenhängende, ungestörte Zeitblöcke zur Verfügung haben. Letztere ermöglichen wirkliche Erholung, erstere nicht. Denn wer ständig unterbrochen wird oder gedanklich präsent bleiben muss, kann nicht abschalten. Wer beim Kaffee auf dem Sofa mental die nächste Woche durchplant erholt sich nicht, auch wenn es von außen nach Entspannung aussieht.
Wie viel Freizeit haben Mütter tatsächlich?
Doch was ist eigentlich Freizeit? Ganz grundsätzlich versteht man darunter Zeit, die nicht durch Erwerbsarbeit, Hausarbeit oder familiäre Verpflichtungen verplant ist. Zeit also, die zur wirklich freien Verfügung steht. Aber genau hier liegt das Problem: Freizeit ist kein objektiver Zustand, sondern ein subjektives Empfinden. Was für die eine ein entspannter Spaziergang ist, ist für die andere eine weiteres To-do. Vielleicht geht der Partner gerne joggen, weil es ihm beim Abschalten hilft. Für sie dagegen ist joggen ein Punkt auf der inneren Liste, den sie nicht aus Freude, sondern weil es „auch mal sein muss“ abhakt.

Freizeit beginnt ein Stück weit mit der Frage, wer entscheidet und viele Frauen haben nie wirklich gelernt, Freizeit als etwas Eigenes, Wertvolles zu sehen. Durch weibliche Sozialisation, also die eigene Erziehung, Medien oder gesellschaftliche Erwartungen, wurden sie häufig darauf trainiert, sich über Fürsorge, Anpassung und Leistung für andere zu definieren. Wer als Kind beigebracht bekommt, erst zu helfen, bevor gespielt wird, oder bei Familienbesuch lieber den Tisch abzuräumen, statt sich auszuruhen, lernt früh, dass Entspannung nachrangig ist und Rücksicht auf andere wichtiger als das eigene Bedürfnis nach Pause ist. Und wer früh verinnerlicht, dass Freizeit nur dann erlaubt ist, wenn alles andere erledigt ist, oder mit Erledigungen verbunden werden könnte, wird sich auch später schwer damit tun, sie sich einfach zu nehmen, ohne das Gefühl zu haben, etwas Nützlicheres tun zu müssen. So zieht sich das Zurückstellen der eigenen Bedürfnisse wie ein roter Faden durch den Lebenslauf vieler Frauen. Zeit nur für sich selbst? Fühlt sich irgendwie egoistisch an.
Wie Gender Care Gap und Mental Load zusammen hängen
Ein weiterer Grund, warum Müttern Freizeit oft fehlt, ist die Tatsache, dass sie in vielen heteronormativen Familien nach wie vor die primären Beziehungspersonen für ihre Kinder sind. Sie wissen, wo die Turnschuhe liegen, wann der nächste Impftermin ansteht, haben die Einladungen zum Kindergeburtstag im Blick und sind diejenigen, die „Ich bin kurz auf der Toilette“ rufen, nur um dort sofort wieder von der Kinderschar aufgesucht zu werden. Diese konstante Verantwortung erzeugt das Gefühl, immer verfügbar sein zu müssen, selbst dann, wenn eine Pause theoretisch möglich und praktisch dringend notwendig wäre. Und ja, auch dann, wenn der Partner absolut in der Lage ist sich um die Kinder zu kümmern, fühlt es sich für viele Mütter schlichtweg falsch an, sich ausschließlich auf sich selbst zu konzentrieren.

In genau diesem Spannungsfeld – zwischen dem Bedürfnis nach Erholung und dem inneren Auftrag, ständig verfügbar zu sein – verschwimmt die Grenze zwischen echter Freizeit und funktionalem Pausenfüller. Während Väter vielleicht ein Buch lesen oder aufs Rennrad steigen, überlegen viele Mütter in ihrer sogenannten Freizeit, was noch eingekauft werden muss, ob das Kind für den morgigen Ausflug alles dabeihat oder ob die Mail der Klassenlehrerin schon beantwortet ist. Manche nutzen ihre sogenannte Auszeit, um noch schnell den Wocheneinkauf zu erledigen oder die Spülmaschine auszuräumen. Und nein, das Ausräumen der Spülmaschine ist keine Pause – es ist Hausarbeit. Wenn sich solche Tätigkeiten wie Erholung anfühlen, dann oft nur deshalb, weil niemand etwas von einem will und es für einen Moment still ist. Genau das sollte aufmerksam machen. Spätestens an diesem Punkt lohnt es sich, das Thema Leisure Gap in der Partnerschaft anzusprechen.
Wie lässt sich ein Ungleichgewicht in der Beziehung vermeiden?
Bevor sich eine unfaire Verteilung weiter einspielt und Erschöpfung chronisch wird, braucht es das Gespräch. Der erste Schritt liegt bereits darin, dass dieses Ungleichgewicht einen Namen hat. Das macht es sichtbar und damit auch verhandelbar. Wer regelmäßig das Gefühl hat, keine echte Pause zu erleben, sollte das ernst nehmen. Es hilft, die eigene Zeit über mehrere Tage hinweg bewusst zu beobachten: Wann ist tatsächlich Freizeit vorhanden? Womit wird sie gefüllt? Und fühlt sie sich wirklich erholsam an? Durch das – zumindest gedankliche – Aufschreiben lassen sich Muster erkennen. So wird der Unterschied zwischen verfügbarer und erlebter Freizeit greifbar, ebenso wie die Frage, wie stark Verantwortung bereits in jeden Freiraum hineinragt.

Der nächste Schritt ist das Gespräch mit dem Partner und zwar ganz bewusst über Erholung. Wer hat wann wirklich Pause? Wer kann selbst darüber entscheiden? Und wie oft kommt das überhaupt vor? Auch mentale Verantwortung spielt eine Rolle: Wer trägt sie, wer denkt voraus, wer hält alles im Blick? Es kann hilfreich sein, gemeinsam eine Woche durchzugehen und ehrlich zu schauen: Wer hatte wann Zeit für sich und wer war in dieser Zeit trotzdem innerlich oder praktisch für andere zuständig? Der Leisure Gap sollte dabei nicht unbedingt als Vorwurf verstanden werden, sondern als Werkzeug. Er hilft, Ungleichgewichte sichtbar zu machen, Verantwortung bewusst zu benennen und sie fairer zu verteilen. Und genau deshalb ist es sinnvoll, immer wieder gemeinsam zu prüfen: Stimmt die Balance noch? Können beide durchatmen? Haben beide genug Zeit, die wirklich ihnen gehört?
Es fällt deutlich leichter, dem Partner Freizeit zuzugestehen, wenn man selbst regelmäßig welche bekommt. Voraussetzung dafür ist, dass Väter Erziehung und Alltag tatsächlich mittragen und nicht nur punktuell „mithelfen“. Und Mütter dürfen und sollten aufhören, sich schuldig zu fühlen, wenn sie sich Zeit für sich nehmen. Diese Schuldgefühle stehen echter Erholung im Weg. Wer für andere da sein will, muss auch gut für sich selbst sorgen, so wie im Flugzeug, wo man erst die eigene Sauerstoffmaske aufsetzt, bevor man anderen hilft.

Erholung ist kein Bonus, sondern ein Recht
Erholung braucht Raum. Sie sollte nicht erkämpft werden müssen, sondern selbstverständlich dazugehören. Und das ganz ohne Schuldgefühle, ohne Erklärungen. Dabei ist es einerseits wichtig, sich diese Zeit zu nehmen, und andererseits auch zu verstehen, dass der Leisure Gap nicht allein durch zu wenig Zeit entsteht, sondern durch ein Ungleichgewicht in der Wahrnehmung von Verantwortung. Also nein – es reicht nicht, besser zu planen. Es braucht ein Umdenken. Ein gemeinsames Verständnis davon, dass Erholung kein Bonus ist, sondern ein Recht. Für alle. Und dass Gleichberechtigung auch bedeutet, sich selbst als gleich wichtig zu sehen – im Alltag, im System und im eigenen Leben.
Die fehlenden Minuten pro Tag stehen für Erschöpfung, für chronisch verschobene Bedürfnisse, für zu wenig Raum zur Regeneration. Aber genau weil dieser Mangel sichtbar ist, lässt sich etwas daran ändern. Kleine Schritte, ehrliche Gespräche, faire Verteilung: Das ist kein großer gesellschaftlicher Wurf, aber es ist ein Anfang. Und der beginnt zu Hause, mit 38 Minuten mehr für uns oder für eine Folge Gilmore Girls.

Evelyn Höllrigl Tschaikner ist freie Journalistin und Autorin („Nachwehen“) und lebt mit Mann und Kindern in Wien. Seit 2016 bloggt sie auf Little Paper Plane über das Muttersein und Fraubleiben.
Beim Luna Day am 9. Oktober 2025 in Berlin könnt ihr Evelyn live als Speakerin erleben. Mehr Infos über den Luna Day, das Programm und weitere spannende Speakerinnen, findet ihr hier.