Männer und Fruchtbarkeit – so wichtig ist die Spermienqualität
SCHWANGERSCHAFT, Wissen
Bei unerfülltem Kinderwunsch liegt etwa in einem Drittel aller Fälle die Ursache beim Mann. Genauer gesagt bei der Spermienqualität. Sie entscheidet darüber, ob eine Eizelle überhaupt erreicht und befruchtet werden kann.
Was Spermien können müssen
Spermien sind Hochleistungssportler. Sie müssen eine Eizelle erreichen, damit ein Baby entstehen kann. Dafür ist es wichtig, dass sie
- in ausreichender Menge vorkommen,
- eine gesunde Form haben
- und sich zielgerichtet bewegen.
Nur wenn diese Bedingungen erfüllt sind, schafft es ein Spermium beim Sex, sich zur Eizelle zu bewegen, ihre Schutzhülle zu durchdringen und mit ihr zu verschmelzen. Dafür hat die Natur vorgesorgt: In einem einzigen Samenerguss sind Millionen kleinster Samenzellen, die sich auf den Weg machen.
Sinkende Spermienqualität ist ein weltweites Phänomen
Doch die Zahl der Spermien und auch ihre Qualität insgesamt sinkt. So hat sich die Zahl der Spermien pro Milliliter Samenflüssigkeit seit den 1970er-Jahren mehr als halbiert. Dieser Trend beschleunigt sich in den letzten Jahren zunehmend. Darüber hinaus sind Spermien immer öfter auch ungünstig geformt und können sich schlechter bewegen. Das alles erschwert die Befruchtung der Eizelle.

Was beeinflusst die Fruchtbarkeit beim Mann?
Es gibt viele Gründe, warum die Spermienqualität von Männern sinkt. Einer der entscheidenden Faktoren ist das Alter. Das höchste Fruchtbarkeitsniveau haben Männer im Alter zwischen 25 und 29 Jahren. Danach nimmt die Fruchtbarkeit der Spermien kontinuierlich ab.
Auch der Lebensstil spielt eine große Rolle für die Spermienqualität und die männliche Fruchtbarkeit:
- Rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum, Bewegungsmangel oder starkes Übergewicht wirken sich negativ auf die Samenproduktion aus.
- Dazu kommen Stress und Schlafmangel, die hormonelle Prozesse beeinflussen.
- Auch Umweltgifte, Weichmacher und Feinstaub belasten den männlichen Körper.
- Hitzequellen wie das Handy in der Hosentasche, Sitzheizungen oder enge Unterwäsche können Spermien in ihrer Entwicklung stören.
Dänische Forscher haben in einer aktuellen Studie herausgefunden, dass auch ultraverarbeitete Lebensmittel die Spermienqualität negativ beeinflussen können. Dazu gehören zum Beispiel Fertiggerichte, Süßigkeiten oder Softdrinks.
Krankheiten als Grund für schlechte Spermienqualität
Neben dem Lebensstil können auch körperliche Ursachen hinter der eingeschränkten Fruchtbarkeit eines Mannes stecken. Wurde zum Beispiel das Hodengewebe geschädigt, etwa durch eine Mumps-Infektion in der Jugend, angeborene Fehlbildungen wie Hodenhochstand oder durch Verletzungen, leidet später oft die Samenqualität.
Auch hormonelle Störungen – etwa ein Mangel an Testosteron – können die Spermienproduktion mindern. Genetische Besonderheiten spielen ebenso eine Rolle wie Tumorerkrankungen oder deren Behandlung. Eine der häufigsten Gründe für männliche Fruchtbarkeitsstörungen liegt übrigens bei Krampfadern im Hodenbereich – den sogenannten Varikozelen. Sie stauen das Blut im Hodensack und stören durch erhöhte Temperaturen die empfindliche Spermienproduktion.
Ein Spermiogramm gibt Klarheit über die Fruchtbarkeit
Wenn ein Paar schon länger versucht, schwanger zu werden und es trotz regelmäßigem Sex nicht klappen will, kann ein Besuch beim Urologen helfen. Oft veranlasst der Experte dann ein Spermiogramm. Dabei wird eine Spermaprobe im Labor analysiert.
Dafür hat die Weltgesundheitsorganisation diese Referenzwerte für normales Sperma mit guten Aussichten auf eine Schwangerschaft festgelegt:
- Volumen des Ejakulats: mindestens 1,4 Milliliter
- Spermienkonzentration: mindestens 15 Millionen pro Milliliter
- Gesamtzahl der Spermien pro Ejakulat: mindestens 39 Millionen
- Beweglichkeit (Motilität): mindestens 42 Prozent der Spermien sollen beweglich sein und mindestens 30 Prozent sollen sich vorwärts bewegen
- Normal geformte Spermien (Morphologie): mindestens 4 Prozent
Liegen die Werte darunter, wird genauer nach den Ursachen geschaut. Denn: Auch bei abweichenden Werten heißt das nicht automatisch, dass der Mann unfruchtbar und eine Schwangerschaft unmöglich ist.

Die häufigsten Diagnosen bei eingeschränkter Spermienqualität
Ärzte unterscheiden verschiedene Herausforderung – von zu wenigen Spermien bis hin zu Problemen mit Bewegung oder Form. Das sind die häufigsten Diagnosen:
- Oligozoospermie: Es sind zu wenige Spermien vorhanden.
- Asthenozoospermie: Die Spermien bewegen sich zu langsam oder zu wenig zielgerichtet.
- Teratozoospermie: Viele Spermien haben eine Fehlform, die die Befruchtung erschwert.
- Azoospermie: Im Ejakulat sind keine Spermien nachweisbar.
- Kryptozoospermie: Es gibt nur wenige Spermien und diese sind erst nach spezieller Laboraufbereitung sichtbar.
- Nekrozoospermie: Ein großer Teil der Spermien ist nicht mehr lebendig.
Oft kommen mehrere dieser Faktoren zusammen. Dann sprechen Ärzte vom OAT-Syndrom – es gibt zu wenige Spermien (Oligozoospermie), zu langsame und zu wenig bewegliche Spermien (Asthenozoospermie) und zu viele fehlgeformte Spermien (Teratozoospermie).
Wie kann man die Spermienqualität verbessern?
Je nach Diagnose geht das in einem eingeschränkten Rahmen. Spermien entwickeln sich über einen Zeitraum von etwa drei Monaten. Über diese Zeitraum kann versucht werden, durch
- eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst, Gemüse, Vollkornprodukten, gesunden Fetten und Proteinen,
- regelmäßige Bewegung,
- Rauchstop und reduzierten Alkoholkonsum,
- ausreichend Schlaf sowie
- frische Luft im Genitalbereich (lockere Unterwäsche, keine Handys in der Hosentasche, Laptop nicht stundenlang auf dem Schoß)
für mehr Wohlbefinden zu sorgen und die Spermienqualität zu pushen.
Kinderwunschbehandlung: Wenn die Natur Unterstützung braucht
Nicht immer reicht ein veränderter Lebensstil aus. In solchen Fällen kann aber oft die Kinderwunschmedizin helfen. Welche Methode dabei die richtige ist, hängt stark von den Ergebnissen ab.
Sind Hormone im Ungleichgewicht, besteht die Möglichkeit einer hormonellen Therapie. Dabei erhält der Partner je nach Diagnose zum Beispiel Botenstoffe wie LH, FSH oder Testosteron.
Brauchen die Spermien Unterstützung, können Kinderwunschzentren helfen. Bei leichten Einschränkungen kann eine Insemination sinnvoll sein. Dabei werden die Spermien im Labor aufbereitet und direkt in die Gebärmutter eingeführt. Sind Zahl oder Beweglichkeit stärker reduziert, kommt eine IVF (In-vitro-Fertilisation) in Frage, bei der Eizellen und Spermien im Labor zusammengebracht werden. Wenn die Qualität sehr schlecht ist oder nur wenige Spermien gewonnen werden können, wird die ICSI (Intrazytoplasmatische Spermieninjektion) eingesetzt: Ein einzelnes Spermium wird direkt in die Eizelle injiziert.

Zeugungsfähigkeit: Ein sensibles Thema für viele Männer
Über die eigene Spermienqualität zu sprechen, fällt Männern meist schwer. Deshalb zögern viele von ihnen, zum Arzt zu gehen – oft länger, als es gut wäre. Dabei ist eine eingeschränkte Spermienqualität ein medizinisches Thema genauso wie Bluthochdruck oder Diabetes.
Offene Gespräche, Verständnis und ein respektvoller Umgang sind wichtige Schritte. Kompetente Beratung und konkrete Unterstützung gibt es bei Urologen und in Kinderwunschzentren.