Mentale Gesundheit im Familienalltag – diese Gründerin hat eine App dafür entwickelt

Mentale Gesundheit im Familienalltag – diese Gründerin hat eine App dafür entwickelt

FAMILIE, Menschen, MUM, Wohlfühlen

Mütter haben im Alltag viele Rollen zu meistern, vor allem wenn sie wieder in den Beruf einsteigen. Trotz Doppelbelastung investieren sie in die Kinderbetreuung etwa doppelt so viel Zeit wie Väter. Selbst bei der Hausarbeit liegt laut Statistik die Hauptlast bei den Frauen. Wie vermeidet man da Überforderung und trainiert die eigene Resilienz. Darüber haben wir mit Verena Herzog-Pohl gesprochen, die eine Mental-Health App gegründet hat.

Wie schaffe ich es als Mutter, allem gerecht zu werden? Das ist eine Frage, die sich viele Frauen stellen, sobald ein Baby in den Haushalt einzieht. Der Nachwuchs krempelt auch das eigenen Leben komplett um. Zwischen Still- und Wickelphasen bleibt kaum Zeit, entspannte Selfcare-Momente sind eine Seltenheit.

In einem Interview mit Verena Herzog‑Pohl, Gründerin der Mental‑Health‑App Lumeus, haben wir darüber gesprochen, wie vor allem Mütter den täglichen Stress nicht nur bewältigen, sondern aktiv an ihrer inneren Stärke und ihrem Wohlbefinden arbeiten können. In den Programmen der App werden emotionale Trainingsmethoden genutzt, um Stress zu reduzieren, den Schlaf und die Resilienz zu verbessern. Warum die mentale Gesundheit von Müttern so wichtig ist für das Wohlbefinden der gesamten Familie, wollten wir von der Gründerin wissen und auch, wie man zu neuen Routinen finden kann.

Liebe Verena, wie ist die Lumeus App eigentlich entstanden? Was war die Idee dahinter?

Verena Herzog-Pohl: Meine Mutter, Dagmar Herzog-Bühler, hat vor etwa dreißig Jahren die „Herzog-Methode“ entwickelt, auf der die App auch basiert. Sie kämpfte selbst mit Übergewicht, später auch mit Depressionen. Sie hat viel ausprobiert, Diäten gemacht, Therapien … Aber bei ihr hat nichts langfristig geholfen. Immer wieder rutschte sie in alte Muster. Ihr war klar, dass etwas in ihrem Leben passiert sein musste, sie ein traumatisches Erlebnis gehabt haben musste, das sie immer wieder gleich reagieren ließ in bestimmten Situationen. Sie kam zu dem Schluss, dass genauso wie das Erlebnis in der Vergangenheit „einspeichert“ wurde, es doch auch möglich sein müsste, das Ganze wieder „umzuprogrammieren“ – also eine neue Bewertung zu finden und damit auch das eigene Verhalten nachhaltig zu verändern.

Lumeus App
Verena Herzog-Pohl hat eine App gegründet für mentale Gesundheit.

Wie hat sie es schließlich geschafft, hierfür eine Lösung zu finden?

Sie hat sich viel mit dem Thema beschäftigt und gelernt, dass Emotionen die Programmiersprache unseres Unterbewusstseins sind und dass wir durch entgegengesetzte Emotionen Muster im Unterbewusstsein verändern können, die uns nicht guttun. Doch die Wissenschaft sagt, es ist schwer die Emotionen zielgerichtet zu erzeugen. Da meine Mutter Drehbuchautorin beim Film war, hat sie sich überlegt: Warum machen wir es nicht wie beim Film? Man sieht im Kino eine schöne Geschichte, hört die dazu komponierte Musik und kann dadurch intensiv die Emotionen miterleben.
Also hat sie ihre Sehnsüchte, Ziele, Wünsche visualisiert und diese täglich, begleitet von der 9. Sinfonie von Beethoven, für sich durchlebt. Nach einiger Zeit hat sie gemerkt, dass dies etwas verändert in ihr und sie zu einer neuen Bewertungen von Dingen kommt. Sie stellte fest, dass sie mit dieser Methode ihre Glaubensmuster ändern konnte.

War das der Beginn der sogenannten Herzog-Methode?

Ja genau. Meine Mutter hat weiter recherchiert, Bücher dazu geschrieben, die auch Bestseller wurden, Seminare gegeben. Alles wissenschaftlich unterstützt von Fachleuten – und es hat funktioniert.

Was war der Auslöser, das Ganze in einer App zugänglich zu machen?

Meine eigene Lebenssituation gab den Ausschlag. Ich hatte herausfordernde Zeiten in meiner eigenen Firma, mit meinen Zwillingen. Mein Mann konnte nur selten zuhause sein, weil er durch seinen Job viel unterwegs sein musste. Ich wollte alles meistern, fühlte mich aber oft überfordert, bekam einen Tinnitus und bin zum Arzt, weil ich nichts mehr hören konnte. Da hieß es dann nur, ich müsse Stress reduzieren. Ich war frustriert.
Meine Mutter empfahl mir, es mit ihrem Programm zu versuchen. Tatsächlich wurden meine Symptome schon nach einer Woche besser. Ich konnte wieder hören, der Tinnitus verschwand, ich war besser gelaunt, konnte mich besser organisieren … Und das hatte ich ganz allein geschafft mithilfe des Programms. Da war mir klar: Wir müssen das Programm digital zugänglich machen, denn viele Leute da draußen wissen gar nicht, dass es so etwas gibt und dass es so gut funktioniert. Allein viele meiner Freundinnen und Bekannten kämpfen mit Stress, Schlafproblemen, Ängsten, Depressionen, Burnout oder psychosomatischen Beschwerden. Wir haben so viele Selbstheilungskräfte in uns, die wir bewusst einsetzen können. Aus dieser Erfahrung ist die Idee entstanden, zusammen mit meiner Mutter die App Lumeus zu entwickeln.

Stress Mental Health
Zur Ruhe finden, sich entspannen, resilient werden – nicht einfach, wenn einem so viel durch den Kopf geht.

Wenn man eines der Programme, zum Beispiel zur Stressreduktion, macht, wie lange dauert es nach euren Erfahrungen, bis sich neue Routinen wirklich etabliert haben?

Acht Wochen ist eine gute Zeit um eine Routine zu etablieren. Man muss dranbleiben, das ist total wichtig. Wie Zähneputzen, Duschen, Anziehen… so muss man sich diese Routine in den Kalender schreiben und sich bewusst vornehmen: Ich putze die Zähne und dann höre ich das Programm, oder: Ich trinke Kaffe und dann höre ich Lumeus. Es ist gut, das an eine Routine zu knüpfen, die man sowieso täglich macht.

Bestimmt sollte man das Programm aber länger als nur die acht Wochen machen, oder?

Ja, am besten ist es anfangs das Programm jeden Tag 10-15 Minuten zu absolvieren. Wir wissen aus der Wissenschaft, dass man ungefähr zehn Monate braucht um ein Verhaltensmuster im Gehirn durch eine neue Information langfristig zu überlagern. Wenn man das Programm ein halbes Jahr täglich macht und das nächste halbe Jahr vielleicht jeden zweiten Tag, dann ist es ziemlich sicher, dass dieses Verhalten langfristig bleibt. Wir haben auch Teilnehmer, die machen das drei Jahre lang jeden Tag und später immer mal wieder, wenn sie es für nötig halten, also vielleicht einmal pro Woche. Aber am Anfang ist es wichtig, dass man zehn Monate möglichst durchgehend dranbleibt.

Das ist eine lange Zeit, zehn Monate….

Ja, der Grundkurs dauert acht Wochen. Da denken die meisten, das schaffe ich. Wenn man das jeden Tag durchhält, hat man schon eine Routine etabliert. Das ist wie beim Joggen. Wenn man erst mal drin ist, dann denkt man nicht mehr darüber nach sondern zieht einfach die Schuhe an und läuft los. Und man merkt auch schon ziemlich deutlich, ob das Ganze etwas bei einem bewirkt oder nicht. Wenn die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei sich selbst eine positive Veränderung feststellen, dann bleiben die meisten auch dran.

Ihr habt vor kurzem auch eine Studie gemacht zu einem der Programme. Was waren die Erkenntnisse daraus?

Ja, wir haben eine Studie mit Studenten der TU München gemacht. Die haben das Programm zur Stressreduktion acht Wochen lang absolviert. Wir konnten schon nach dieser kurzen Zeit eine signifikante Verbesserung bei den psychosomatischen Beschwerden sehen und auch bei der Konzentrations- und Leistungsfähigkeit.

Welche Kurse bietet ihr in der App an?

Es gibt einen Stressreduktionskurs, der wird auch von den Krankenkassen erstattet. Zudem gibt es ein mentales Schlankheitstraining begleitend zur Gewichtsreduktion, ein Training speziell für die Wechseljahre, ein Schlaftraining und es gibt ein spezielles Kindertraining.

Im Moment ist es sehr schwer überhaupt einen Termin bei einem Therapeuten zu bekommen. Kann die App da ein erster Anlaufpunkt sein?

Ja, es sind herausfordernde Zeiten. Wir arbeiten bereits mit einigen Psychotherapeuten und Ärzten zusammen, die den Patienten raten, es zunächst mit unserer App zu probieren. Denn es dauert aktuell bis zu sechs Monate, bis man bei einem zugelassenen Therapeuten einen Termin bekommt. Man muss sich das mal vorstellen! Es ist als hätte man einen gebrochenen Arm, geht damit zum Arzt, kann aber erst in sechs Monaten einen Gips bekommen – so ähnlich ist das im Moment!

Die App kann außerdem auch von Unternehmen angeboten werden, um die Mitarbeitenden aktiv zu unterstützen. Wir merken gerade da, dass es vielen Beschäftigten nicht gut geht. Die Stimmung ist allgemein nicht gut. Viele machen sich Sorgen, wie es für sie weitergeht.

Weist ihr darauf hin, dass die App kein Ersatz sein kann für eine Therapie?

Ja natürlich. Wir können nur begleitend da sein, das ist klar. Wir weisen immer daraufhin, dass es wichtig ist, erst einmal mit einem Arzt oder Psychotherapeuten zu sprechen. Wenn man allerdings sechs Monate warten muss auf eine Behandlung, dann kann man mit der App schon mal ausprobieren, ob einem das Programm hilft. Auch beim Thema Wechseljahre weisen wir explizit darauf hin, dass man zunächst mit der Gynäkologin, dem Gynäkologen spricht, einen Hormonstatus machen lässt und eventuell eine ärztlich begleitete Hormonersatztherapie beginnt.

Mental Health
Ein Training via App ersetzt keine Therapie, kann aber der erste Schritt sein die eigene mentale Gesundheit zu stärken.

Du sprichst die Wechseljahre an. Viele Frauen wissen oft gar nicht, dass die Wechseljahre viel früher beginnen als sie denken und verschiedenste Symptome verursachen können. Leider erfolgt oft kaum Aufklärung durch Ärzte … Wie sind hier eure Erfahrungen?

Wir versuchen schon seit einiger Zeit auch verstärkt in die Aufklärung zu gehen. Wir haben zusätzlich viele Vorträge zu dem Thema angeboten, denn Wechseljahre heißt nicht nur, dass man seine Periode nicht mehr bekommt. Die Auswirkungen der Hormonveränderungen äußern sich oft schon zehn Jahre früher. Mit ganz unterschiedlichen Beschwerden, mit ganz unterschiedlichen Symptomen – und ganz viele wissen das nicht. Ich saß vor zwei Jahren in einem Workshop zu dem Thema, das hat mir die Augen geöffnet. In den Medien oder im Freundeskreis wird das Thema auch kaum besprochen… Ich selbst wusste auch kaum etwas darüber, obwohl ich im relevanten Alter bin. Nach diesen Erfahrungen habe ich mich mit dem Thema befasst und festgestellt, dass die Perimenopause und die Menopause so unterschiedliche Auswirkungen haben kann und das Leben von Frauen stark beeinflusst. Ich habe sofort gesagt: Wir müssen einen Kurs dazu machen, die Frauen aufklären und ihnen schon mal ein Werkzeug an die Hand geben, was sie machen können.

Was sind eure weiteren Plänen mit der App?

Wir haben gerade einen Förderung bekommen vom Bundesministerium für Forschung. Gleichzeitig sind wir dabei, die App zu individualisieren und interaktiv zu machen. Das ist durch AI inzwischen möglich. Wir haben von meiner Mutter einen Klon entworfen, der dann irgendwann im Laufe diesen Jahres auch individuelle Fragen beantworten kann. Man kann dann richtig mit ihm sprechen, wie mit einem virtuellen Coach. Natürlich ersetzt dies nicht einen echten Coach, das machen wir auch immer wieder transparent. Aber es ist spannend und funktioniert schon wirklich toll. Ich bin selbst beeindruckt. Das könnte eine tolle Hilfe sein, dass man mit jemandem sprechen kann, Fragen stellen kann und das Training individuell anpassen kann.

Mental Health
Teamwork: Verena Herzog-Pohl und ihre Mutter, Dagmar Herzog-Bühler.

Es gibt auch ein Programm speziell für Kinder. Ab welchem Alter kannst du das empfehlen?

Das ist geeignet für Kinder zwischen fünf und elf Jahren. Man kann natürlich mit kleineren Kindern auch die instrumentale Musik beim Einschlafen hören, das ist immer schön und sehr beruhigend. Aber für unsere gesprochenen Szenen mit Musik, da sollte man schon ein bisschen verstehen, was gesagt wird. Die Szenen werden gesprochen von Tobias Krell, den die meisten besser unter Checker Tobi kennen. Er spricht die Parts, wo Emotionen mit abenteuerlichen, witzigen, frechen Geschichten erklärt werden und wir den Kindern praktische Übungen an die Hand geben. Wie sie zum Beispiel Ängste in ein Gefühl von Sicherheit umwandeln können.

Und wie wird es von den Kindern angenommen?

Sehr gut. Kinder haben eine sehr stark ausgeprägte Fantasie und die Pfade im Unterbewusstsein sind noch nicht so stark gelaufen, wie bei Erwachsenen. Bei Kindern merken wir schon nach ein paar Tagen tolle Veränderungen. Die sollen das auch nur machen, wenn sie darauf Lust haben. Meist reichen schon zweimal die Woche, weil sie so intensiv und schnell reagieren.

Muss ich etwas beachten als Eltern wenn ich das Programm mit den Kindern höre oder es ihnen anbiete?

Ja, wir empfehlen das Programm die ersten Male mit den Kindern gemeinsam zu machen. Die meisten Eltern tun das sowieso und auch ganz gerne, denn es ist schön, das zusammen zu machen. Es ist aber auch wichtig, dass die Eltern anfangs mit dabei sind falls Fragen auftauchen oder etwas erklärt werden muss. Meine eigenen Kinder sind fast elf Jahre alt und hören das Programm drei- bis viermal die Woche. Oft hören wir es uns zusammen an, statt einer Vorlesegeschichte abends.
Das wollen wir mit Lumeus erreichen: Man kann zwar viele Dinge nicht ändern, aber man kann für sich eine neue Bewertung der Dinge finden. Das macht glücklicher und zufriedener.

Mehr zur App Lumeus und zu den einzelnen Programmen findet ihr hier.

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