
Mikrobiom im Mund: Warum Zahngesundheit für dich und dein Baby so wichtig ist
SCHWANGERSCHAFT, Wissen
Jeder Mensch hat ein ganz eigenes Mikrobiom, das ist die Gesamtheit aller Mikroorganismen, die auf und in uns leben. Neben jenem des Darmes ist das unseres Mundes das zweitvielfältigste. In der Schwangerschaft verändert sich dieses ganz entscheidend. Was jetzt bei der Mundhygiene wichtig ist und wie man schon das ungeborene Baby durch Prävention schützen kann, erklärt uns Dr. Diana Kessler, Zahnärztin und Wissenschaftsautorin.
Liebe Frau Dr. Kessler, was ist so besonders am Mikrobiom im Mund und was haben Hormone in der Schwangerschaft damit zu tun? Können Sie uns das erklären?
Dr. Diana Kessler: Ja, die Hormone spielen eine große Rolle. Sie führen in der Schwangerschaft dazu, dass das Gewebe sich lockert. Die ganzen Veränderungen, die in unserem Körper stattfinden, werden über Hormone gesteuert und auch unser Immunsystem wird über Hormone moduliert. Es sind drei Faktoren, die uns beeinflussen: unser Mikrobiom, unser Immunsystem, unsere Gene. Aber natürlich ist da auch noch die Psyche als Faktor – Stress und so weiter…, das spielt alles zusammen und man kann die einzelnen Prozesse gar nicht komplett auseinanderhalten.
Inzwischen gibt es auch immer mehr Informationen zum Mikrobiom im Mund und dessen Wichtigkeit. Lange hat man sich vor allem auf das Mikrobiom im Darm konzentriert. Wie kommt dieser Wandel?
Das Thema „Mikrobiom“ ist in der Wissenschaft insgesamt recht neu. Zunächst wurde viel zum Mikrobiom im Darm geforscht. Nach einigen Jahren richtet sich nun die Aufmerksamkeit auf weitere Bereiche, und ganz besonders auf den Mund. Hier kann man mit relativ einfachen Veränderungen sehr viel bewirken, und zwar nicht nur für die Mundgesundheit, sondern für die Gesundheit ganz allgemein. Man versteht durch die Forschungsarbeit auch immer besser, wie ein Ungleichgewicht im Mikrobiom des Mundes mit anderen Krankheiten in Zusammenhang steht und wie man dieses Wissen für die Prävention nutzen kann.

Entzündungen im Körper können sich auch auf das ungeborene Baby auswirken, oder? Was sind die Gefahren?
Ja, es ist nicht nur so, dass Entzündungen Stress bedeuten für die Mutter und das Baby. Wir wissen inzwischen auch, dass die Mikroben aus unserem Mund auf das Baby übertragen werden können – über das Fruchtwasser und später auch über das Stillen und die Muttermilch. Und Entzündungen können sich so auch auf die Gesundheit des Ungeborenen auswirken, bzw. werden sie unter anderem auch im Zusammenhang mit Frühgeburten gesehen.
Wie oft sollte man als Schwangere zur Vorsorge?
Die Vorsorgeuntersuchungen – auch für die Zahngesundheit der Babys – beginnen schon in der Schwangerschaft, genauer gesagt im ersten Schwangerschaftsdrittel. Dann ist die erste große Vorsorgeuntersuchung vorgesehen, weil sich da bereits das Immunsystem des Babys und vor allem auch seine Zahnkeime bilden. Im letzten Schwangerschaftsdrittel ist die zweite Vorsorgeuntersuchung vorgesehen. Und nach der Geburt empfehle ich wärmstens, die Babys jedes halbe Jahr zum Zahnarzt mitzunehmen – also so oft wie man selbst auch geht.
Also Sie sagten, dass im ersten Schwangerschaftsdrittel schon die Zahnknospen beim Baby angelegt werden. Kann ich als Schwangere die Zahngesundheit meines Babys beeinflussen, indem ich irgend etwas weglasse in meiner Ernährung?
Bitte in keinem Fall Diäten machen in der Schwangerschaft. Wir müssen beim Baby ein komplettes Knochensystem aufbauen, Schwangere brauchen viel Kalzium, Mineralstoffe, Spurenelemente. Folsäure und Jod werden schon präventiv gegeben, das ist gut, aber alle Schwangeren sollten sich so gesund ernähren, wie es nur irgendwie geht und auf jeden Fall satt essen. Ich sage den Schwangeren, die zu mir in die Praxis kommen immer: Esst jetzt in der Zeit so, wie ihr wollt, dass eure Kinder später essen. Am Ende der Schwangerschaft hat das Baby die meisten Geschmacksknospen und es wird stark geprägt durch das, was die Mutter isst – über den Geschmack des Fruchtwassers und später dann über die Muttermilch. Diese Geschmacksempfindungen werden es fürs Leben prägen.

Kann man das wichtige Mikrobiom im Mund eigentlich auch durch Ernährung stärken?
Wie schon erwähnt, gelingt das tatsächlich. Wenn Kinder in meine Praxis kommen, erkläre ich ihnen immer, dass sie auch den „Zoo in ihnen füttern“ müssen – also alle Mikroorganismen, die mit uns leben. Diese lieben Karotten, Kohlrabi, Paprika, Chicoree… – eben alles mögliche Grünzeug. Das lässt die „Guten“ gedeihen.
Was raten Sie als Zahnärztin: Ist es besser, schon bei Kinderwunsch die Zahnbehandlungen die eventuell anstehen, machen zu lassen?
Das wäre natürlich optimal. Aber es spricht auch nichts dagegen zum Zahnarzt zu gehen, wenn man bereits schwanger ist, denn manchmal kommt das ja ungeplant. Wenn man im ersten Schwangerschaftsdrittel zum Zahnarzt geht und regelmäßig eine professionelle Zahnreinigung machen lässt, die Zähne pflegt und dazu die Zahnzwischenräume täglich reinigt, dann ist man eigentlich gut vorbereitet.
Sie betonen immer wieder die Wichtigkeit der Zahnzwischenräume bei der Pflege der Zähne…
Ja, denn wir erreichen mit der Zahnbürste nur 60 Prozent der Zahnflächen. Die restlichen 40 Prozent müssen aber ebenfalls gründlich gereinigt werden. Auch Implantate oder Brücken müssen sorgfältig gepflegt werden. Ein Kollege von mir hat es einmal sehr schön ausgedrückt: Wenn wir unsere Schuhe putzen wollen, stellen wir auch nicht alle in eine Reihe und bürsten einmal drüber. So sollten wir auch unsere Zähne pflegen: liebevoll und möglichst rundum.
Was raten Sie den Eltern von Babys? Muss man den Kleinen bereits die Zähne putzen?
Ja, ab dem ersten Zahn. Man muss sich dabei nicht verunsichern lassen, welche Zahncreme man nimmt oder vielleicht nicht nimmt… Wichtig ist, dass man mechanisch putzt. Und wenn man Kindern das vom ersten Zahn an beibringt, dann lernen sie diese Routine ganz früh in ihren Alltag zu integrieren.
Meine Kinder zum Beispiel haben es geliebt, auf der Zahnbürste herum zu kauen. Wir haben es so gemacht: einmal habe ich ihnen die Zähne geputzt und das andere Mal haben wir gemeinsam geputzt. Denn Kinder sollen auch sehen, wie die Eltern sich die Zähne putzen, sonst ist das irritierend für sie. Wir müssen ihnen das vorleben.
Wie ist es denn mit dem Stillen und den ersten Zähnchen: Schadet die Muttermilch den Zähnen? Muss man nachts nach dem Stillen dem Baby noch einmal die Zähne putzen – im Idealfall?
Nein, das muss man nicht. Das erkläre ich meinen Patienten immer wieder: Wir putzen nicht in erster Linie, um Essensreste zu beseitigen. Wir putzen die Zähne, um den bakteriellen Biofilm der hier entsteht, zu beseitigen. Muttermilch ist für Babys das Beste, denn sie trägt dazu bei, das Mikrobiom in Mund und Darm mit Bakterien zu besiedeln, die unglaublich hilfreich sind für unser gesamtes Immunsystem.
Karies ist eine Volkskrankheit – wie kann man sich schützen?
Tatsächlich sind es gerade mal 2,5 Prozent der Menschen, die ohne Karies-Erfahrung durchs Leben gehen. Das ist eine absolute Minderheit – das sage ich auch jedem, der zu mir in die Praxis kommt und keine einzige Füllung hat. Super! Dabei kostet es keine fünf Minuten mehr Zeit, eine tägliche umfassende Zahnpflege zu praktizieren – und das ist es einem ja doch allemal wert.
Zur Person:

Dr. Diana Kessler hat in Heidelberg Zahnmedizin studiert und ist seit 1991 als Zahnärztin in Mannheim tätig. Sie beschäftigt sich mit dem Thema Mund- und Allgemeingesundheit seit 2001. Als Wissenschaftsautorin hat sie die Bücher „Von Mund zu gesund. Wie ein gesunder Mund vor Krankheiten schützt“ und „Mein Mikrobiom, meine Gene und ich“ veröffentlicht. Außerdem hält sie regelmäßig Fachvorträge zum Thema Mikrobiom.