Sex nach der Geburt – das rät die Hebamme
FAMILIE, MUM, Wohlfühlen
Nach der Geburt fällt es Paaren oft schwer, wieder miteinander intim zu werden. Das kann die unterschiedlichsten Gründe haben. Wie junge Eltern das Feuer neu entfachen können, verrät uns die Hebamme Katharina Wallner.
Ein Baby krempelt den Alltag eines Paares komplett um. Abgesehen davon, dass plötzlich ein neuer Mensch in das Leben tritt, muss sich die Mutter nach der Geburt erst einmal an ihr verändertes Körperbild gewöhnen. Hinzu kommt, dass der eingespielte Rhythmus mit dem Partner außer Kraft gesetzt wird. Bei dem Gedanken an den ersten Sex nach der Geburt kommen daher oft Zweifel auf – wenn überhaupt schon an Sex zu denken ist. Geburtsverletzungen, Inkontinenz, Schlafmangel, Stillprobleme machen es dabei nicht einfacher, sich wieder auf den Partner einzulassen.
Das weiß auch Katharina Wallner. Von der Hebamme haben wir uns Tipps geholt, was beim ersten Sex nach der Geburt wichtig ist und wie man seinem Liebesleben als junges Elternpaar einen kleinen romantischen Schubs geben kann.

Liebe Frau Wallner, wann darf man im Regelfall nach der Geburt wieder Sex haben?
Katharina Wallner: Einleitend möchte ich sagen, dass es wichtig ist, das Thema Sexualität anzusprechen. Im 1:1-Kontakt sind derart intime Gespräche wohl am besten aufgehoben. Ein Artikel macht manchmal mehr Stress, als er Entlastung bringt. Denn allgemeine Aussagen wirken rasch so, als müsste man sie erfüllen. Dabei gibt es schlichtweg keine Standardregel. Viele denken, Sex sei erst nach dem Ende des Wochenflusses möglich. Ein geschützter Geschlechtsverkehr mit einem Kondom wäre früher erlaubt. Ein großes Verlangen haben aber die wenigsten. Außerdem gibt es so viele schöne Möglichkeiten miteinander intim zu werden, da muss es kurze Zeit nach der Geburt nicht unbedingt das Eindringen in die Vagina sein, wenn sich der Gedanke daran nicht gut anfühlt.
Wie verhält es sich mit Sex nach einem Kaiserschnitt?
Der Wochenfluss kann bei einem Kaiserschnitt ähnlich lange dauern, da die Plazenta, sich nach der Geburt in jedem Fall von der Gebärmutterinnenwand ablösen muss. Manchmal bluten Frauen nach einem Kaiserschnitt jedoch vaginal weniger, weil bei der Operation die Wunde gespült wurde. Grundsätzlich würde ich in der Aufklärung aber keinen großen Unterschied machen. Natürlich sollte die Kaiserschnittnarbe so weit verheilt sein, dass sie nicht mehr schmerzt.
Frauen mit Geburtsverletzungen wie einem Damm- oder Scheidenriss haben beim Sex nach der Geburt bestimmt mehr zu beachten?
Geburtsverletzungen können Schmerzen verursachen. Sich dem Partner anvertrauen zu können und auf eine einfühlsame Reaktion zu treffen, ist eine wunderbare Basis für Intimität. Es müssen aber nicht unbedingt Schmerzen sein, die es schwieriger gestalten, wieder intim zu werden. Eine Geburtsverletzung kann auch ein verändertes Körperbild bedeuten. Frauen, die nach der Geburt nicht glücklich mit ihrem Körper sind, weil sich beispielsweise etwas an den Labien verändert hat oder wenn eine Narbe schmerzt, weil sie schlecht verheilt oder zu straff genäht wurde, sollten Sie sich an ihre Gynäkologin oder Hebamme wenden. Es geistert noch in vielen Köpfen herum, dass man für ein Baby mit dem eigenen Körper einen hohen Preis zahlen muss – ich glaube nicht, dass das sein muss.
Gibt es Sexstellungen, die gerade am Anfang angenehmer sind für beide Partner?
Das ist von Paar zu Paar verschieden, denn es ist auch ohne geboren zu haben ganz individuell. Schließlich ist jedes Empfinden und jeder Körper anders. Das Schöne an einer intimen Liebesbeziehung ist ja auch, dass man sich gegenseitig erkundet und immer mal wieder etwas entdeckt, was besonders guttut. Wenn Liebe im Spiel ist, sind meist auch offene Gespräche möglich und neben purem Sex kommt die Zärtlichkeit nicht zu kurz.

Was kann man tun, wenn nach der Geburt die Lust länger wegbleibt?
Wer definiert die Dauer? Wie so oft ist es der Vergleich, der uns stresst. Denn, wie anfangs gesagt: Die Möglichkeiten, sich als Paar wieder aufeinander einzulassen, sind vielfältig und individuell sehr verschieden. Müdigkeit ist nach der Geburt oft ein Thema, weil sich der gesamte Lebensrhythmus verändert. Die Zeitfenster werden kleiner und die Spontaneität weniger. Damit geht eben oft die Lust verloren. Es ist möglich, andere Zeiten zu finden und diese für Zweisamkeit zu nutzen, wenn das Baby schläft. Doch das ist gar nicht mal so leicht, weil die Lust nicht einfach auf Knopfdruck kommt. Viele Frauen empfinden ihren kräftezehrenden Alltag als Lustkiller und brauchen schlichtweg ein bisschen mehr Zeit.
Manche Mütter können nach einer Geburt nur schwer oder gar nicht mehr zum Orgasmus kommen? Was tun?
Bei Anzeichen von Orgasmus-Schwierigkeiten sowie bei unkontrolliertem Harn- oder Stuhlverlust sollte man eine physiotherapeutische Behandlung anstreben. Dann ist eine gezielte Therapie und ein intensives Beckenbodentraining notwendig, denn ein guter Beckenboden kann wesentlich dazu beitragen, die Orgasmus-Fähigkeit wieder aufzubauen.
Können Sie Mütter beruhigen, die das Gefühl haben, ihre Vagina sei nach der Geburt nicht mehr so eng wie vorher?
Der Körper wird für die Geburt weich und locker. Manche Frauen beobachten das auch während ihres eigenen Zyklus, denn umso mehr Östrogen im Spiel ist, umso lockerer und weicher wird das Gewebe. Es braucht eine Phase der Rückbildung, damit sich das wieder festigen kann. Streng genommen spricht man von neun Monaten Schwangerschaft und neun Monaten Rückbildung.

Wie kann man den Rückbildungsprozess des Beckenbodens unterstützen?
Der Beckenboden wird bei vielen Bewegungen automatisch mitgenommen, insbesondere bei denen, die die Körpermitte betreffen. Manchmal werden dabei die Bauchmuskeln allerdings viel stärker aktiviert als der Beckenboden, weshalb man ihn zusätzlich mit gezielten Beckenbodenübungen trainieren sollte. Das funktioniert nicht nur mit kleinen Bewegungen, sondern da kommt man richtig ins Schwitzen.
Scheidentrockenheit ist bei stillenden Frauen keine Seltenheit. Was raten Sie in diesem Fall für guten Sex?
Ein gutes Vorspiel kann helfen. Die Lubrikation, also das Feuchtwerden der Scheide, wird mit zunehmender Erregung stärker. Wahrscheinlich brauchen die wenigsten Paare Tipps für ein sinnliches Vorspiel. Wenn doch, bringe ich an dieser Stelle gerne Massagekerzen ins Spiel. Diese speziellen Kerzen werden nach etwa 15 Minuten Brennzeit ausgepustet, und nachdem das flüssige Wachsöl etwas abgekühlt ist, kann es zärtlich auf der Haut einmassiert werden.
Selbst ein Jahr nach der Geburt leiden viele Mütter an Inkontinenz. Bei welchen Geburten kommt das zum Tragen?
Ein schwacher Beckenboden kann der Grund dafür sein, dass nach einer Schwangerschaft Harn oder Stuhl nicht mehr so gut gehalten werden kann wie davor. Eine Beckenbodenschwäche macht Betroffenen meist Stress und Unbehagen. Mit dieser Sorgen sind Frauen nicht alleine. Denn Beckenbodenschwäche betrifft viele und kann, ja sollte, unbedingt behandelt werden. Die Ausprägungen und Schweregrade können ganz unterschiedlich sein und gezieltes Beckenbodentraining ist nach jeder Geburt empfohlen – mit und ohne Beschwerden und ganz unabhängig davon, wie das Baby geboren wurde. Denn der Beckenboden wird durch die Schwangerschaft in jedem Fall gefordert. Schließlich muss er viel mehr Gewicht als gewöhnlich tragen und das Baby bis zur Geburt im Körperinneren halten.
Welche Tipps haben Sie für Mütter, die nach der Geburt Angst vor möglichen Schmerzen beim Sex haben?
Es sollte ein Liebesakt sein, wo viel Kommunikation, Verständnis, Geduld, Zärtlichkeit und Vorspiel dazugehört. Es braucht demnach nicht nur die körperliche Bereitschaft, sondern man muss sich auch wieder aufeinander einlassen können, vor allem auch auf sein verändertes Körperbild und die neue Gesamtsituation. In einer guten Partnerschaft hat das alles Platz. Wenn man aber das Gefühl hat, man ist nicht mehr für seinen Partner da oder der Druck wird einfach so groß, dann kann die einseitige Sexualität eine Möglichkeit sein. Selbstbefriedigung darf kein Tabu-Thema sein, sondern ist Teil einer gesunden Beziehung.
Wenn Paare nach der Geburt ihres Kindes eine neue Sex-Routine einführen möchten, was würden Sie dann raten?
Ich glaube, dass das Wort Routine einfach absurd ist. Viel schöner wäre es, finde ich, wenn man sich darauf einlässt, sich in die Verliebtheitsphase zurückzukatapultieren, wo man sich mit einem Liebesbriefchen oder mit einer WhatsApp-Nachricht überrascht und damit vielleicht von Zeit zu Zeit ein bisschen aufheizt. Das kann eine Möglichkeit sein, sich als sexuell aktives Paar wahrzunehmen und mineinander zu flirten, wie am Anfang der Beziehung, als man sich noch nicht ständig um sich hatte.
Gibt es noch etwas, das Sie Müttern gerne mit auf den Weg geben möchten bezüglich „Sex nach der Geburt“?
Ich mag das Wort Liebesakt, weil dahinter so eine große Bedeutung steckt. Da gibt es kein Richtig und kein Falsch, sondern es muss sich einfach für das Paar gut anfühlen. Außerdem ist es mir wichtig zu betonen, dass ein kleiner Mensch in das Leben des Paares getreten ist. Dass eine derartige Lebensveränderung auch die Prioritäten verändert, ist so natürlich wie normal. Also kein Performancedruck, sondern Spaß, Freude und Genuss sind wohl das Allerwichtigste.

Katharina Wallner ist Hebamme und lehrt an der FH Campus Wien im Studiengang Hebamme. Die Österreicherin gründete außerdem 2005 ein Eltern-Kind-Zentrum, in dem Themen wie Stillberatung, Empowerment und Sexualität behandelt werden. Als Autorin hat Katharina Wallner den Schwangerschaftsratgeber „Mini Mum veröffentlicht (erschienen im Kremayr & Scheriau Verlag, 26 Euro)