Taub sein als Eltern – so ist der Alltag als Familie

FAMILIE, Menschen

Fenke Gabriel-Schwan

Christine Eggert (30) wohnt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Würzburg. In ihrer Familie ist die Deutsche Gebärdensprache das Kommunikationsmittel der Wahl, mit dem sie lautlos kommunizieren. Christines größte Leidenschaft ist Mode, auf Instagram kann man ihr unter @_chocosecret_ folgen. Auf Lunamum.de erzählt sie von ihrem Alltag.

Christine Eggert, instagram.com/_chocosecret_

1. Du arbeitest als Influencerin, und hast erstmal lange gar nicht thematisiert, dass du taub bist. Wann gab es da einen Wendepunkt?

Als Influencerin (instagram.com/_chocosecret_) arbeite ich schon sehr lange und es stimmt: Meine Taubheit habe ich erstmals im Herbst 2018, während meiner zweiten Schwangerschaft thematisiert. Zuvor hatte ich mich lange nicht getraut, dieses Detail preiszugeben, aber dann wollte ich mich meinen Followerinnen und Followern öffnen. Die Taubheit und die Gebärdensprache gehören einfach zu mir, das sollten alle wissen.

2. Wie kommunizierst du mit hörenden Menschen in deinem Umfeld?

Am linken Ohr trage ich ein CI (Cochlea Implantat) mit dem ich relativ gut hören kann. Wenn ich spreche, kann man das jedoch nicht mit der Lautsprache hörender Menschen vergleichen. Meine Muttersprache ist nicht die deutsche Lautsprache, sondern die Deutsche Gebärdensprache; sie ist für mich eine sehr positive und freundliche Sprache. Mit ihr bin ich aufgewachsen und habe gelernt, sie vornehmlich als Kommunikationsmittel zu nutzen. Wenn ich mich mit hörenden Menschen unterhalte, welche nicht gebärden können, schaffen wir es trotzdem, uns zu verständigen. Wichtig ist, das der Gegenüber langsam und deutlich sprechen und Blickkontakt halten. Und zur Not verständigen wir uns mit Zettel und Stift. Seit Corona und der eingeführten Maskenpflicht ist die Sprachbarriere noch höher geworden, weil der Mund bedeckt ist und ich häufiger darum bitten muss, für das Gespräch die Maske herunterzunehmen, damit ich am Gespräch teilhaben kann. Manchmal ist es schon etwas anstrengend, das immer und immer wieder erklären zu müssen.

3. Welche Reaktionen, Kommentare oder Vorurteile nerven dich?

Ich bekomme zum Glück relativ wenige negative Kommentare zugesendet. Aus der Gehörlosencommunity kommen manchmal Vorschläge, wie ich diese und jene Gebärde nutzen solle. Das liegt daran, dass jedes Bundesland einen eigenen Dialekt hat – so, wie in der Lautsprache eben auch. Die häufigste Frage, die ich gestellt bekomme ist immer, wie ich mitbekomme, wenn meine Kinder schreien oder die Türklingel läutet. Wenn es morgens mal schnell gehen musste, schreiben mir auch einige auf Instagram, dass mein Wimpernkleber sie störe *lach*.

4. Ihr seid als 4-köpfige Familie alle taub. Was sind die größten Hürden im Familienalltag?

Genau, wir vier sind alle taub. Meine Tochter Emilie trägt beidseitig CIs und wächst bilingual auf, da sie manchmal in Gebärdensprache und manchmal in Lautsprache kommuniziert. Beim kleinen Levian wird es genauso sein. Nur mein Mann hat kein CI und ist somit komplett taub. Unsere größten Hürden im Alltag kommen außerhalb unseres Zuhauses zum Tragen: es gibt immer noch einen sehr großen Mangel an Dolmetschern und Dolmetscherinnen, die uns zum Beispiel zum Arzt, ins Krankenhaus oder zu Behördengängen begleiten. Ein spontaner Arztbesuch mit Dolmetscherin ist ein Glücksfall. Im Straßenverkehr wird häufig mit Lautsprechern kommuniziert und die am Verkehr teilnehmenden durch akustische Signale informiert. Für uns ist das schwierig. Selbst Emilie versteht nicht immer was gesagt wird  – abgesehen davon, dass es auch nicht zu den Aufgaben meines Kindes gehört, zu dolmetschen. So muss ich manchmal umstehende Leute fragen, was gesagt wurde. Dies wiederum hat zur Folge, dass ich oft nicht richtig verstanden werde aufgrund meiner andersartigen Stimme und die Menschen manchmal sogar Angst haben oder sich einfach umdrehen und weggehen, ohne mit mir zu sprechen. Eine andere Alltagshürde stellt der Einkauf im Supermarkt dar: das Personal reagiert genervt, wenn ich sie nicht gleich verstehe oder sie mich nicht gleich verstehen können. Da fehlt oft die Geduld und dass wir alle Masken tragen fördert diese Problematik weiter. Emilie hilft mir da sehr viel, weil sie besser hört und sehr deutlich spricht. Auf der einen Seite freut es mich, dass mein Alltag durch sie erleichtert wird. Auf der anderen Seite wäre ich selbst gerne die direkte Gesprächspartnerin, anstatt dass alle über meine Tochter mit mir kommunizieren, ohne sich die Zeit zu nehmen und mit mir sprechen.

Ganz entspannt: Christine geniesst mit ihren beiden Kindern den Urlaub

5. Welche Hilfsmittel erleichtern euch das Leben?

Bei uns zuhause ist eine spezielle Lichtanlage installiert die blinkt, wenn Levian schreit, jemand an der Türe klingelt, Feueralarm ausgelöst wurde und so weiter. Diese Anlage ist wirklich sehr wertvoll für uns und wir wollen sie nicht missen müssen.

6. Sind eure Kinder schon in einer Betreuung? Wie sieht es da aus mit Inklusion?

Emilie geht in die Regelschule, wo sie inklusiv beschult wird. Da Gebärdensprache ihre Muttersprache ist, wird ihr somit jeden Tag eine Person zur Seite gestellt, die dolmetscht. Bis aber die Genehmigung hierfür erteilt wurde, die Anträge durch waren und die Schule überzeugt war, ist es ein harter Kampf gewesen. Doch ich finde, er hat sich gelohnt, denn bis jetzt kommt Emilie gut mit in der Schule und hat auch schon ein paar hörende Freundinnen gefunden. Um sie noch weiter zu fördern, geht sie zweimal pro Woche zum Logopäden. Levian ist 2 Jahre alt und für ihn kommt einmal in der Woche die Frühförderung zu uns und alle zwei Wochen geht er zur CI – Reha. Das ist eine spezielle Therapie, um das Hören mit seinen CIs zu erlernen.

7. Fühlst du dich ausreichend unterstützt von der Politik? Was wünschst du dir als Verbesserung?

Da gibt es noch viel, was verbessert werden muss. Gerade die Politik sollte weiterhin für Gleichberechtigung einstehen und uns nicht alle in eine Schublade stecken, wie das aus meiner Sicht noch häufig der Fall ist. Gerade im Alltag werden Gehörlose noch stark benachteiligt und es gibt zu viele Hürden in der Bürokratie. Beispielsweise wird das Gehörlosengeld ständig abgelehnt mit dem Argument, dass es für den Staat weitaus teurer sei als Blindengeld. Auch im Fernsehen können und sollten wir für mehr Barrierefreiheit kämpfen und endlich 100% Untertitel bereitstellen.

 

Vielen herzlichen Dank, liebe Christine!

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