Venengesundheit in der Schwangerschaft: Was gegen Schwellungen, schwere Beine & Co. wirklich hilft
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Die Schwangerschaft ist eine besondere Zeit – körperlich wie emotional. Doch während sich vieles auf das wachsende Leben konzentriert, wird ein Thema oft unterschätzt: die Venengesundheit. Rund jede zweite Schwangere leidet im Verlauf der Schwangerschaft unter schweren Beinen, geschwollenen Knöcheln oder beginnenden Krampfadern. Die gute Nachricht: Man kann aktiv etwas dagegen tun – und das auf sanfte, einfache Weise. Wir haben uns Tipps von einer Venenspezialistin geben lassen.
Dicke, geschwollene oder schwere Beine … Gerade in der warmen Jahreszeit kennen das viele schwangere Frauen – und leiden darunter. Die Gefäßchirurgin und Phlebologin Dr. Kerstin Schick hat sich auf die Venengesundheit von Frauen spezialisiert. Wir wollten von ihr wissen, was Mums-to-be für ihre Beine tun können, damit die besonderen Belastungen keine unschönen Spuren und Nachwirkungen hinterlassen und die Venen gesund bleiben.
Liebe Frau Dr. Schick, Sie sind nicht nur eine erfahrene Gefäßchirurgin, sondern auch Mutter von drei Kindern. Was hat Sie dazu bewegt, sich gerade auf die Gefäßgesundheit von Frauen zu spezialisieren?
Dr. Kerstin Schick: Seit 12 Jahren betreue ich in meiner Praxis täglich Patient:innen mit Gefäßerkrankungen. Dabei habe ich im Laufe der Jahre deutliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen festgestellt – nicht nur in der Symptomatik, sondern auch in Diagnostik und Therapiebedarf. Frauen schildern andere Beschwerden, kommen oft zu anderen Zeitpunkten ihrer Erkrankung und benötigen häufig eine individuellere Betreuung. Lange Zeit war die Medizin stark auf den männlichen Körper fokussiert – die sogenannte Gendermedizin versucht das heute auszugleichen, indem sie die spezifischen Bedürfnisse von Frauen in der Diagnostik und Therapie berücksichtigt. Diese Entwicklung finde ich überfällig und sie motiviert mich täglich.
Was können Frauen bereits vor einer Schwangerschaft tun, um ihre Venen auf diese besondere Zeit vorzubereiten?
Dr. Kerstin Schick: Vorsorge beginnt idealerweise schon vor einer Schwangerschaft. Ich empfehle, die Beinvenen untersuchen zu lassen – insbesondere, wenn bereits ein Venenleiden bekannt ist oder familiär gehäuft auftritt. Eventuelle Schwächen können so frühzeitig erkannt und behandelt werden. Frauen sollten generell achtsamer auf Veränderungen reagieren und Beschwerden wie Schwellungen, Kribbeln oder Spannungsgefühle nicht auf die leichte Schulter nehmen. Prävention ist der Schlüssel.

Warum treten gerade in der Schwangerschaft häufig Beschwerden wie schwere Beine, Schwellungen oder sichtbare Venenveränderungen auf?
Dr. Kerstin Schick: Die Schwangerschaft bringt einige physiologischer Veränderungen mit sich: Die hormonelle Umstellung sorgt für eine Weitstellung der Gefäße und ein Nachgeben des Bindegewebes. Gleichzeitig steigt das Blutvolumen um etwa 15–20 % – das entspricht etwa 1,5 Litern zusätzlich, was das Venensystem erheblich fordert. Zudem übt das wachsende Kind zunehmend Druck auf die untere Hohlvene aus und erschwert den venösen Rückfluss aus den Beinen. Die Folge: Wasseransammlungen, Spannungsgefühle, Schmerzen, Juckreiz und – bei entsprechender Veranlagung – auch Krampfadern.
Welche Maßnahmen können Schwangere konkret im Alltag ergreifen, um ihre Venen zu entlasten?
Dr. Kerstin Schick: Bewegung ist das A und O – ideal sind Aktivitäten wie Schwimmen oder Spazierengehen. Langes Stehen oder Sitzen sollte vermieden werden. Und ich weiß, sie sind nicht sehr beliebt: Kompressionsstrümpfe! Aber sie helfen effektiv, den venösen Rückfluss zu verbessern und Beschwerden vorzubeugen.
Wann empfehlen Sie Schwangeren Kompressionsstrümpfe – und wie findet man das richtige Modell?
Dr. Kerstin Schick: Ich empfehle sie grundsätzlich und habe sie selbst in allen drei Schwangerschaften durchgehend getragen. Sie tun gut, stützen und entlasten. Natürlich muss das jede Frau individuell entscheiden, denn manche empfinden sie als unangenehm. Spätestens bei sichtbaren Venenveränderungen oder geschwollenen Beinen sollten Kompressionsstrümpfe getragen werden. Wichtig ist die richtige Passform: Die Strümpfe sollten im Sanitätshaus nach exakter Vermessung angepasst werden. Mittlerweile gibt es eine große Auswahl an Farben, Materialien und Längen – funktionell muss also nicht unattraktiv bedeuten.
Gibt es Warnsignale an den Beinen, bei denen Schwangere ärztlichen Rat einholen sollten?
Dr. Kerstin Schick: Ja. Insbesondere akute Schmerzen, kombiniert mit Schwellungen, Überwärmung, Rötung oder Verhärtungen sollten ärztlich abgeklärt werden. Das könnten Anzeichen einer Thrombose sein, und das Risiko dafür ist in der Schwangerschaft erhöht. Auch bei Unsicherheiten gilt: Lieber einmal zu viel zur Untersuchung als zu wenig.

Helfen Cremes oder Hausmittel tatsächlich gegen schwere Beine – oder sind das eher Wellness-Effekte?
Dr. Kerstin Schick: Cremes mit Rosskastanie können die Symptome wie Schweregefühl oder Spannungen etwas lindern. Auch kühlende Wickel oder Fußbäder sind angenehm. Aber: Sie wirken rein symptomatisch und verhindern keine Krampfadern. Für echte Prävention sind Kompression und Bewegung effektiver.
Viele Frauen fokussieren sich nach der Geburt auf Rückbildung – was ist mit den Venen? Wann sollte man auch dort gezielt auf Regeneration achten?
Dr. Kerstin Schick: Nach der Geburt beginnt eine intensive Phase im Leben junger Mütter. Da geraten die Beine oft in Vergessenheit. Dabei ist gerade jetzt Bewegung wichtig – z. B. tägliche Spaziergänge mit dem Kinderwagen oder leichte Gymnastik. Auch Wassergymnastik oder Babyschwimmen sind ideal. Wichtig ist: nicht zu lang sitzen oder stehen und regelmäßig die Beine hochlegen.
Wie schnell regenerieren sich die Venen nach der Geburt und wie kann man das unterstützen?
Dr. Kerstin Schick: Durch die Entbindung entfällt die mechanische Druckbelastung auf die untere Hohlvene – der venöse Rückfluss verbessert sich meist sofort. Die hormonelle Umstellung dauert allerdings an, besonders während der Stillzeit. Deshalb empfehlen wir, eine abschließende venöse Untersuchung erst nach dem Wochenbett und Abstillen durchführen zu lassen. Dann kann gezielt über notwendige Maßnahmen oder Behandlungen entschieden werden.
Wenn Sie jungen Müttern nur einen einzigen Tipp für ihre Venengesundheit mitgeben könnten – welcher wäre das?
Dr. Kerstin Schick: Fangen Sie frühzeitig mit Kompression und Bewegung an – auch wenn noch keine Beschwerden bestehen. Besonders in der Schwangerschaft brauchen die Venen jede Unterstützung. Wer früh handelt, kann später oft viel vermeiden.
Mehr Infos über gesunde Venen:

Dr. Kerstin Schick ist Fachärztin für Gefäßchirurgie und Phlebologin – und eine der wenigen Expertinnen in Deutschland, die sich konsequent der frauenspezifischen Gefäßmedizin widmen. In ihrem Buch „Venusvenen“ stellt sie die Beine von Frauen ins Zentrum: medizinisch fundiert, verständlich erklärt und mit viel Empathie für die Lebensrealität ihrer Patientinnen. Dr. Schick studierte Humanmedizin in Erlangen-Nürnberg mit Stationen in Oxford, Harvard und Stellenbosch. Heute führt sie eine Praxis für Gefäßmedizin im Münchner Süden und engagiert sich berufspolitisch und gesellschaftlich für die Sichtbarkeit von Frauen – als Patientinnen wie als Kolleginnen. Als Mutter von drei Kindern kennt sie den Alltag zwischen Familie, Medizin und Verantwortung (erschienen bei Bastei Lübbe)