Wie häufig sind Fehlgeburten? Wichtige Fakten, die jede Mutter kennen sollte

Wie häufig sind Fehlgeburten? Wichtige Fakten, die jede Mutter kennen sollte

MUM

Statistisch endet jede 4. Schwangerschaft mit einer Fehlgeburt. Dafür können verschiedene Faktoren verantwortlich sein, die kaum beeinflussbar sind. Doch die Aufklärung findet meist nicht statt, so dass viele Frauen sich selbst die Schuld geben. Die Autorin Eva Lindner hat selbst eine Fehlgeburt erlebt. In ihrem Buch hat sie sich intensiv mit dem Thema auseinander gesetzt und wichtige Fakten und Tipps für Betroffene zusammen getragen. Wir haben mit ihr gesprochen.

Liebe Frau Lindner, warum sind Fehlgeburten immer noch ein Tabu, obwohl so viele Frauen davon betroffen sind?

Eva Lindner: Ich denke, das hat seine Gründe im aktuellen Zustand unserer Gesellschaft. Wir leben im Zeitalter der Optimierung: Alles ist machbar, alles soll möglichst perfekt und reibungslos funktionieren, jede und jeder möchte sich selbst bestmöglich präsentieren. Das gilt auch für eine Schwangerschaft. Themen wie Tod, Verlust und Trauer haben da wenig Platz. Dabei gehören sie zum Leben. Fehlgeburten oder stille Geburten hat es immer schon gegeben. Aber die Angst und die Scham, ein vermeintliches „Versagen“ zuzugeben, ist in unserer Leistungsgesellschaft unglaublich groß.

Warum geben sich Frauen oft selbst die Schuld und fühlen sich als „Versagerin“, wenn sie eine Fehlgeburt erleiden?

Aus eben diesem Grund. Auf Frauen lastet ein unglaublich großer Druck, perfekt zu sein und alles problemlos gewuppt zu kriegen. Wenn eine Frau einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand hält, soll sie automatisch glücklich sein. Damit beginnt schon das Missverständnis, denn eine Schwangerschaft löst nicht nur positive, sondern häufig sehr gemischte Gefühle aus. Freude, Unsicherheit, Zweifel, Angst. Die Frage: Wie soll ich das alles schaffen? Hinzu kommt, dass Frauen viel zu wenig aufgeklärt werden über das Risiko einer Fehlgeburt. Das ist meiner Meinung nach ein großes Manko. Frauenärzte und -ärztinnen informieren über den „normalen“ Verlauf einer Schwangerschaft, aber viel zu wenig über die Tatsache, dass jede dritte Schwangerschaft nicht mit einem lebenden Kind endet und was man tut, wenn einem das passiert. 80 Prozent der Verluste ereignen sich in den ersten zwölf Wochen – dass eine Schwangerschaft in diesem Zeitraum nicht sicher ist, gehört zu den wenigen Fakten, die allgemein bekannt sind. Viele Frauen geben sich selbst die Schuld und fragen sich:  Was habe ich falsch gemacht? Hatte ich zu viel Stress, habe ich mich zu wenig geschont, mich falsch ernährt, ist etwas mit meinem Körper oder meiner Psyche nicht in Ordnung? Warum muss ausgerechnet mir das passieren und bei allen anderen klappt es scheinbar? Diese Gedanken sind eine große Belastung.

Was können mögliche Ursachen für eine Fehlgeburt sein? Sie schreiben, Stress zum Beispiel sei, entgegen der allgemeinen Vorstellung, keine.

Ja, Stress ist eher ganz selten der Auslöser für eine Fehlgeburt, obwohl man Stress natürlich generell in der Schwangerschaft vermeiden sollte. Meistens sind es Chromosomenanomalien in der Ei- oder Samenzelle, die dazu führen, dass sich der Embryo nicht gesund weiterentwickeln kann. Die natürliche Reaktion des weiblichen Körpers ist daraufhin die Beendigung der Schwangerschaft, also eine Fehlgeburt. Chromosomenstörungen entstehen zufällig, zum Beispiel bei der Reifung der Ei- oder Samenzellen oder bei der Zellteilung der befruchteten Eizelle. Allerdings steigt das Risiko für Chromosomenanomalien mit zunehmendem Alter der Mutter. Die häufigsten Anomalien sind die Trisomien 21, 18 und 13. Aber auchProbleme bei der Einnistung der Eizelle, Myome in der Gebärmutter, Gerinnungsstörungen, Immunkrankheiten, hormonelle Unausgeglichenheiten oder Infektionen können eine Ursache sein. Eine einseitige Ernährung, zu wenig Bewegung oder zu viel Stress sind natürlich nicht förderlich für eine gesunde Schwangerschaft. Aber die Ursachen für eine Fehlgeburt sind sie nicht. Darüber aufzuklären halte ich für sehr wichtig, weil es den Frauen die Illusion nimmt, ihren schwangeren Körper kontrollieren und den „perfekten“ Verlauf einer Schwangerschaft herbeiführen zu können. Denn das stimmt so einfach nicht.

Kontrollverlust ist ein zentrales Stichwort. Sie haben eine Fehlgeburt in der 16. Schwangerschaftswoche erlebt. Was waren Ihre vorherrschenden Gefühle?

Das Gefühl des Kontrollverlustes und des Versagens war groß, ebenso eine unendliche Trauer. Ich habe mich gut ernährt, gut auf mich geachtet, bin zu den Vorsorgeuntersuchungen gegangen und habe mich regelmäßig bewegt. Trotzdem habe ich unser zweites Kind tot zur Welt gebracht. Ich habe mich ohnmächtig, traurig, hilflos und alleingelassen gefühlt. Medizinisch gesehen ging es mir relativ schnell wieder gut. Aber psychisch war es unglaublich schwer. Ich wollte mein Kind zurück. Und ich kannte zu dem Zeitpunkt vermeintlich keine Frau, die eine Fehlgeburt erlebt hatte. Was eben auch daran liegt, dass über das Thema viel zu wenig gesprochen wird. Das Gefühl der Einsamkeit, des Alleinseins mit der Trauer fand ich sehr schlimm.  

Fehlgeburt
Nach einer Fehlgeburt suchen viele Betroffene die Schuld bei sich.

Was macht eine Fehlgeburt mit dem Partner und den Geschwisterkindern? Man hat sich ja schon gemeinsam auf das Baby gefreut, Kleidung gekauft, das Kinderzimmer eingerichtet … Wie war das bei Ihnen?

Für meinen Mann war es ein riesiger Schock, ebenso wie für mich. Er war bei der Fehlgeburt mit dabei und ist sogar kurzzeitig ohnmächtig geworden. Wir haben danach sehr viel miteinander geredet und auch offen mit unserer Tochter darüber gesprochen. Dabei kam auch heraus, dass die Mutter meines Mannes ebenfalls eine Fehlgeburt hatte. Aber damals wurde in seiner Familie darüber nicht gesprochen. Erst nach unserer Erfahrung war sie in der Lage, ihm das zu erzählen. Männer reagieren häufiger als Frauen mit destruktiver Verdrängung oder Ablenkung, beispielsweise mit gesteigertem Alkoholkonsum oder noch mehr Arbeit. Aber sie leiden ebenso unter dem Verlust ihres Kindes und fühlen sich häufig nicht gesehen. Zur Reaktion und den Folgen für Geschwisterkinder gibt es leider bisher viel zu wenig Studien. Aber auch die Kinder leiden natürlich. Angststörungen, Albträume, Verlustängste können Folgen sein. Tröstlich finde ich allerdings, dass die Scheidungsrate bei Paaren, die eine Fehlgeburt erleben mussten, eher niedriger ist. Es scheint, als ob das traurige Erlebnis und der gemeinsame Kinderwunsch Paare und die Familie eher enger zusammenschweißen.

Was hat Ihnen nach Ihrer Fehlgeburt geholfen?

Ich habe mich anfangs wirklich sehr allein gefühlt. Was mir geholfen hat, war das Reden mit anderen betroffenen Frauen in einer Sternenmama-Selbsthilfegruppe. (Anmerkung der Redaktion: „Sternenkinder“ ist inzwischen ein gebräuchlicher Begriff für Kinder, die durch eine Fehlgeburt oder Stille Geburt zur Welt gekommen sind. „Sternenmamas“ sind folglich die Mütter.) Miteinander über das Erlebte zu reden, sich gegenseitig zuzuhören, zu weinen, sich auszutauschen – das hat mir sehr geholfen. Und sicherlich hat es mir auch geholfen, dass wir zu dem Zeitpunkt bereits unsere ältere Tochter hatten. Für Eltern, die noch kein Kind haben, ist die Situation wieder eine andere. Aber dennoch sollte man das nicht vergleichen, denn die Trauer und der Verlust sind da, auch wenn es bereits ein Kind oder mehrere Kinder gibt. Viele Frauen oder Paare entwickeln Rituale für ihr Sternenkind: Sie zünden regelmäßig eine Kerze an, schreiben einen Abschiedsbrief, lassen einen Stein gravieren oder bewahren die Ultraschallbilder in einem besonderen Album auf. Das ist – wie immer bei Trauer – eine sehr individuelle Angelegenheit. Aber ich halte es für sehr wichtig, der eigenen Trauer Raum zu geben. Viele Frauen bzw. Eltern entwickeln Depressionen nach diesem traurigen Erlebnis. Dann kann auch eine Psychotherapie helfen. Am schlimmsten ist, dass einfach nach wie vor zu wenig offen darüber geredet wird.

Hilft es denn, dass inzwischen auch immer mehr Prominente öffentlich über ihre Erfahrung mit Fehlgeburten sprechen?

Ja, ich denke, dass es hilft, das Tabu zu durchbrechen. Es gab in den letzten Jahren  eine ganze Reihe von Prominenten, die offen über das Thema gesprochen haben, auf ganz unterschiedliche Weise und auf verschiedenen Kanälen. Das US-Model Chrissy Teigen zum Beispiel hat den Verlust ihres Kindes mit dem Sänger John Legend in der 20. Woche auf Instagram öffentlich gemacht. Model Marie Nasemann und ihr Mann Sebastian Tigges haben offen und ehrlich über ihre Fehlgeburt gesprochen. Herzogin Meghan, die Schauspielerin Sharon Stone – es gab einige. Am meisten überrascht hat mich persönlich Rapper Bushido, den man eigentlich in einem eher machohaften Umfeld vermutet. Aber auch er hat sehr berührend und emotional über die Fehlgeburt seiner Frau Anna-Maria Ferchichi gesprochen.

Was muss sich ganz konkret ändern, damit Frauen mit Fehlgeburten besser unterstützt werden und sich nicht alleingelassen fühlen?

Der erste Punkt ist: Wir brauchen dringend bessere Aufklärung! Natürlich möchte eine Frau nicht unbedingt beim positiven Schwangerschaftstest hören: „Freu dich nicht zu früh, das kann auch schiefgehen.“ Aber es ist ein medizinischer Fakt und kein Einzelfall, dass jede dritte Schwangerschaft mit einer Fehlgeburt endet. Deshalb ist es unerlässlich, dass offen darüber gesprochen wird. Sei es im Aufklärungsunterricht in der Schule, in der gynäkologischen Praxis oder in den Medien. Ich halte die 12-Wochen-Regel, die besagt, dass Frauen in den ersten drei Monaten am besten nicht über ihre Schwangerschaft reden sollten, auch für überholt. Natürlich ist die Gefahr für eine Fehlgeburt am Anfang besonders hoch. Aber eine Frau sollte sich trotzdem freuen dürfen, genauso wie sie trauern darf, wenn sie das ungeborene Kind verliert. Weil es eben keine Ausnahme ist, sondern häufig passiert.

Ein zweiter wichtiger Punkt ist die Ausweitung des Mutterschutzgesetzes. Auch eine Frau, die ihr Kind während der Schwangerschaft verliert, ist eine Mutter und braucht Zeit und Schutz, um den Verlust zu verarbeiten. Dazu reicht keine dreitägige Krankschreibung, sondern es bedarf einer bezahlten Auszeit für Eltern, um das Ereignis zu verarbeiten. (Anm. der Redaktion: Seit dem 1.6.2025 haben Frauen nach einer Fehlgeburt Anspruch auf einen ausgeweiteten Mutterschutz. Mehr Infos dazu findet ihr hier.)

Ein dritter Punkt – es gibt im Übrigen noch viele weitere in meinem Buch – ist die Anerkennung von Fehlgeburten und Stillen Geburten als Geburten. Auch nach einer Fehlgeburt haben Frauen einen Anspruch auf Hebammenbetreuung, das wissen leider nur die wenigsten. Eltern haben das Recht, ihr totes Baby zu sehen und zu beerdigen. Auch das wird viel zu oft nicht kommuniziert, dabei ist es ein unglaublich wichtiger Punkt und hilft den Betroffenen oft sehr, sich zu verabschieden.

Fehlgeburt

Sie selbst sind nach Ihrer Fehlgeburt wieder schwanger geworden und haben eine zweite, gesunde Tochter zur Welt gebracht. Wie war die Schwangerschaft für Sie?

Ich hatte das große Glück, eine einfühlsame Frauenärztin in Spanien zu haben, die mich sehr ermutigt und bestärkt hat. Denn natürlich ist die Angst und die Sorge nach einer Fehlgeburt groß, und gerade am Anfang hat mich das sehr belastet. Ich habe kaum über meine Schwangerschaft gesprochen und habe jeden Tag nach Blut in meiner Unterhose gesucht. Ich habe mir nicht erlaubt, mich zu freuen, weil ich dachte, das schützt mich vor einer erneuten Enttäuschung. Heute weiß ich, dass einen nichts davor schützen kann, wieder zu trauern, wenn es wieder passiert. Aber man beraubt sich selbst einer schönen Zeit, auch wenn sie nur kurz ist.

Wir sind heute Eltern von drei Kindern: zweier Töchter und eines Sternenkindes, das ebenso zu unserer Familie gehört. Einen offenen, respektvollen Umgang mit dem Thema Fehlgeburt – das ist es, was ich mir wünsche.

Zur Person:

Eva Lindner, geboren 1983, ist Absolventin der Axel-Springer-Akademie und arbeitet als freie Journalistin u. a. für „Zeit Wissen“, „Die Zeit“ und die „Süddeutsche Zeitung“. Für ihre Reportagen erhielt sie mehrere Auslandsstipendien. Nach einer eigenen Fehlgeburt in der 16. Schwangerschaftswoche begann ihre intensive Auseinandersetzung mit dem Thema, dem sie ein ganzes Buch gewidmet hat. Mit ihrer Familie lebt Eva Lindner in Valencia. 
Eva Lindner: „Mutter ohne Kind“, Tropen Verlag, 22 Euro

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