Wie sich das Gehirn während der Schwangerschaft verändert – und warum das wichtig ist
MUM, SCHWANGERSCHAFT, Wohlfühlen
Aktuelle Studien belegen, dass die Schwangerschaft nicht nur den Körper, sondern auch das Gehirn verändert – und zwar tiefgreifend. Emotionen, Ängste und soziale Wahrnehmung verschieben sich, weil sich die neuronalen Strukturen neu organisieren. Die Psychologin und Neurowissenschaftlerin Dr. Angela Häne erklärt, was hinter diesen Veränderungen steckt, welche Folgen sie für das seelische Gleichgewicht haben können – und wie Frauen in dieser sensiblen Lebensphase besser verstanden und begleitet werden können.
In der Schwangerschaft verändert sich das Gehirn der werdenden Mutter – Emotionen, Ängste und Sorgen werden oft tiefer empfunden. Dafür wurde der Begriff „Matreszenz“ geprägt, der immer öfter in dem Zusammenhang auftaucht. Welche neurowissenschaftlichen Hintergründe es bei dem „Umbau“ gibt, wann die Gefahr einer psychischen Erkrankung besteht und wie man Schwangere und junge Mütter optimal unterstützen kann, erklärt Dr. phil. Angela Häne.
Liebe Frau Dr. Häne, mittlerweile geht die Forschung davon aus, dass der Umbau des Gehirns während und nach einer Schwangerschaft mit dem während der Pubertät vergleichbar ist. Welche Konsequenzen hat das für die praktische Arbeit in der Therapie mit jungen Müttern?
Dr. Angela Häne: Wir stellen in der Arbeit mit Frauen fest, dass junge Mütter gerade in dieser Phase besonders anfällig sind. Das liegt begründet in vermehrten Sorgen und Ängsten, die sie empfinden und geht bis hin zu möglichen Störungsbildern wie z. B. Angststörungen oder depressiven Erkrankungen, mit denen sie reagieren können. Uns beschäftigt natürlich die Frage, warum das so ist.
Zum einen steigen die Sexualhormone mit Eintritt der Schwangerschaft steil an. Diese haben einen Einfluss auf unsere Neurotransmitter, auf die Botenstoffe im Gehirn, vor allem auf das Serotonin, das für die Stimmungsstabilisierung zuständig ist. Man hat darum schon früh vermutet, dass es mit diesem Anstieg der Sexualhormone und in der Folge mit dem veränderten Serotoninstoffwechsel im Gehirn zusammenhängen muss, dass viele Frauen in der Schwangerschaft Stimmungsschwankungen haben oder ein Stimmungstief, wie sie es sonst von sich nicht kennen.
Jetzt kommt ein neuer Ansatz aus der jüngeren neurowissenschaftlichen Forschung mit dazu. Dort konnte belegt werden, dass angestoßen durch die hohen Östrogen- und Progesteronspiegel in der Schwangerschaft, im Gehirn strukturelle Veränderungen stattfinden. Das betrifft vor allem das Gehirngewebe. Es schrumpft, insbesondere der Kortex, die graue Substanz. Das war eine große Neuigkeit und man dachte: Oh mein Gott, das Gehirn der Frau wird in der Schwangerschaft kleiner. Doch aus der Hirnforschung weiß man: Es ist eine Optimierung der Struktur und dadurch kann das Gehirn besser arbeiten.

Das alles klingt beunruhigend…
Nein, muss es nicht, denn eine kleine Hirnstruktur ist nicht zwingend schlechter. Denn auch wenn die graue Substanz schrumpft, steigt die Aktivität in bestimmten Hirnarealen. Das heißt zusammenfassend: Die Struktur ist kleiner, aber alles läuft effizienter. Und zwar vor allem in Arealen die mit dem Sozialverhalten zusammenhängen, mit der sozialen Kognition, mit der Empathiefähigkeit der werdenden Mutter. Man konnte nachweisen, dass die Kommunikation zwischen verschiedenen Bereichen im Gehirn erhöht ist, der Blutfluss sich verstärkt. All das dient der Vorbereitung der Mutter auf ihre neue Rolle, insbesondere für diese neue besondere Verantwortung und Aufgaben, die sie übernimmt.
Wie äußert sich das?
Man geht im Moment davon aus, dass diese Veränderungen in den verschiedenen Arealen des Gehirns es einer werdenden Mutter möglich machen, zum Beispiel die Signale des Kindes, dessen Gesichtsausdruck, die Bewegungen des Kindes besser deuten zu können. Dadurch kann sie diese Mutterrolle vorbereiteter beginnen.
Welche Auswirkungen hat das außerdem für die werdende Mutter?
Auf emotionaler Ebene gibt es tatsächlich weitere Auswirkungen. In der Regel beobachtet man, dass Frauen besonders im letzten Trimenon der Schwangerschaft empfindsamer oder sensibler werden. Das kann auch in eine Gereiztheit münden, dass man also vielleicht auf Aussagen des Partners etwas gereizter reagiert. Allgemein werden Emotionen stärker empfunden und es wird auch emotional stärker reagiert. Das ist eine Folge dieses strukturellen Gehirnumbaus.
Warum ist das so? Gibt es dafür Erklärungen?
Es war evolutionär sinnvoll, dass Frauen mit zunehmender Schwangerschaft, wenn es auf die Geburt zugeht, wie so eine Art Aufmerksamkeit auf Bedrohungsreize von außen haben. Früher, als wir noch kein festes Dach über dem Kopf hatten, war die körperliche Unversehrtheit und Sicherheit nicht selbstverständlich gegeben und es haben die Mütter überlebt, die vorausschauend waren und entsprechend agierten. Der Bedrohungsmodus hatte also einen tieferen Sinn.
Heute können dadurch eine zunehmende Ängstlichkeit, ein zunehmendes Grübeln, Sorgen oder eben Stimmungsschwankungen einher gehen. Weil wir emotionaler, sensibler werden, weil das Gehirn sich umbaut, weil sich Gehirnareale neu miteinander vernetzen. Das alles macht emotional etwas mit uns. Und natürlich kommen noch die körperlichen Veränderungen dazu, die neue Rolle, die auf uns wartet, der neue Lebensabschnitt, der beginnt.
Und vielleicht auch die Angst vor der Geburt, denn wer es nicht erlebt hat, kann es eigentlich nicht beschreiben. Das macht die Frauen bestimmt auch unsicher…
Ja, das ist eine gute Beschreibung. Ich sage immer: Nichts ist so mächtig wie die Macht der Erfahrung. Das heißt, wir können die Geburt nicht hundertprozentig vorbereiten oder die damit verbundenen Eventualitäten absichern. In übergeordneter Ebene ist der Geburtsprozess ein Kontrollverlust unseres Körpers, aber oftmals auch unserer Psyche. Viele Frauen erschrecken ja auch über ihre Empfindungen, über ihren Schmerz, aber auch über ihre Reaktionen, die sie haben während des Geburtsprozesses. Das ist eine Herausforderung, die einem niemand abnehmen kann und die man erst erfährt, wenn es so weit ist.
Das ist vorab schwer begreiflich zu machen, vor allem der Kontrollverlust…
Ja, das zeigen auch die Zahlen. Rund ein Drittel der Frauen erlebt die Geburt als traumatisch. Das ist jede dritte Frau. Das ist aber noch nicht gleichzusetzen mit der Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung. Das sind dann etwa 3-6 Prozent der Frauen. Aber ein Drittel der Frauen erlebt die Geburt als traumatisch und das hat auch mit dem Kontrollverlust zu tun. Wenn man auf das Gefühl von Kontrolle bei der Gebärenden achtet, durch die Beziehung mit den Geburtshelfenden, wenn man die Frau mit einbezieht in Entscheidungen, kann bei ihr das subjektive Gefühl von Kontrolle entstehen. Das heißt auch, dass man als Begleitende:r spürt, was braucht die Frau jetzt, wie kann man ihr emotional beistehen. Dieses Gefühl von Kontrolle ist der größte Faktor, um eine Traumatisierung zu verhindern.
Ist der Prozess der Gehirnveränderung mit der Geburt abgeschlossen? Oder geht es danach weiter?
Ja, es geht weiter. Was man bis heute weiß ist, dass diese Veränderungen bis sechs Jahre nach Geburt noch gleichbleibend im MRI zu sehen sind. Das ist im Moment die aktuelle Forschungslage. Man geht davon aus, dass der Zustand bleibt, dass die Strukturveränderung überdauernd ist und bei jedem weiteren Kind tut sich da wieder etwas und es geht von vorne los. Man kann inzwischen mit knapp 92-prozentiger Sicherheit mit einer Bildgebung am Gehirn erkennen, ob eine Frau geboren hat oder nicht, ob diese Frau schwanger war oder nicht. Das ist schon fantastisch!

Wie wichtig sind diese Forschungsergebnisse für Frauen, für werdende Mütter?
Im Moment boomen Themen rund um Gendermedizin. Warum ist das so? Ich glaube, weil wir Frauen genug davon haben, dass man unsere Erfahrungen anzweifelt. Es ist wichtig, dass auch wissenschaftlich eingeordnet wird, dass es sich bei dieser Phase nicht nur um eine vulnerable Zeit handelt, sondern zusätzlich auch um eine Entwicklungsphase im Leben einer Frau. Dafür existiert der Begriff der Matreszenz oder Muttertät. In diesem Sinne lässt sich diese Zeitspanne mit der Pubertät und der Menopause gleichsetzen als Transitionphase, in der sich sowohl auf körperlicher, psychischer aber auch auf sozialer Ebene viel verändert. Eine eher ganzheitliche Sicht auf das psychische Befinden einer Frau rund um die Geburt berücksichtig Herausforderungen, welche sich aus dieser Entwicklungsphase ergeben. Dies kommt näher an die Lebensrealität von Frauen in dieser Lebensphase und kann helfen, sich mit eigenen Schwierigkeiten, die auftraten, zu versöhnen.
Was würden Sie allen, die professionell mit schwangeren Frauen zu tun haben, raten zu tun, um die Frauen in dieser vulnerablen Phase optimal zu unterstützen?
Es geht einerseits darum, die emotionalen Herausforderungen bis hin zu den psychischen Belastungen rund um die Geburt professionell einzuordnen und gegebenenfalls zu normalisieren – auch in der Wortwahl. Es ist wichtig zu bestätigen: Das was Sie erleben, kommt sehr häufig vor, Sie sind nicht die einzige, das ist ein bekanntes Phänomen und dafür gibt es Hilfe. Nicht alle Ängste und Sorgen, nicht jedes Stimmungstief bedeutet, dass gleich eine psychische Störung vorliegt. Aber der Übergang von einzelnen Symptomen zum Störungsbild kann ein fließender sein. Es ist wichtig, dass psychische Störungen in dieser Zeit möglichst schnell erkannt werden, um eine Behandlung aufzugleisen. Wir müssen uns immer vor Augen führen: Rund jede siebte Frau weltweit erleidet in der Peripatalzeit eine oder mehrere psychische Störungen. Jede siebte Frau!
Das ist durch Zahlen erwiesen? Wann wird eine psychische Störung als solche deklariert?
Die Zahlen sind bestätigt, ja. Die schwierigste Frage ist in dem Zusammenhang tatsächlich: Ab wann ist es eine psychische Störung? Die bekanntesten Störungsbilder sind die peripatale Depression, peripatale Ängste, peripatale Zwangsstörungen und Traumafolgestörungen nach einer traumatisch erlebten Geburt, sowie die postnatale Psychose. Der Übergang von den üblichen, häufig vorkommenden Ängsten, die sich verstärken durch die Schwangerschaft und nach der Geburt zu einem psychischen Störungsbild, ist fließend. Das macht es oftmals so schwierig punktgenau zu benennen, ob es sich schon um ein Störungsbild handelt oder ob wir noch im normalen Toleranzbereich sind. Aber deutliche Indikatoren sind zum Beispiel Beeinträchtigungen im Alltag, oder das Gefühl die eigenen schwierigen Gefühle nicht mehr bewältigen zu können.

Was heißt das genau? Wie äußert sich dies im Alltag der Mütter?
Folgende Fragen helfen dabei: Kann eine Mutter allein mit ihrem Baby den Alltag bewältigen? Kann sie einen Tagesrhythmus einhalten oder vermeidet sie bestimmte Dinge sehr stark? Wenn es Richtung Störungsbild geht, ist oft zu beobachten, dass die Frauen das Haus oder die Wohnung mit Baby nicht mehr verlassen. Entweder weil sie zu müde, zu kraftlos sind – das wäre dann das Bild einer Depression – oder weil mit dem Verlassen des Zuhauses bestimmte Ängste einher gehen, z. B.: Was ist, wenn mein Baby im Bus laut zu schreien beginnt und ich es nicht beruhigen kann und alle auf mich schauen und denken, was ist das für eine unfähige Mutter, die ihr Kind nicht beruhigen kann. Das wären soziale Ängste. Auch wenn sie sich nicht mehr im Stande fühlt, die Fürsorge für das eigene Kind allein zu bewältigen, ist das ein konkretes Zeichen. Wenn die Mutter, die Schwiegermutter oder eine Freundin mit in den Haushalt einziehen muss, weil die Frau nicht mehr allein sein kann…. das alles sind Zeichen. Und damit meine ich nicht die gewollte Unterstützung oder Entlastung von jungen Müttern. Hier möchte ich nicht falsch verstanden werden. Wenn eine Frau aus Ängsten oder einem antriebslosen Zustand heraus nicht in der Lage ist, ihr Kind allein zu betreuen, das ist in der Regel der letzte Indikator, bei dem man schließlich sagen muss: jetzt braucht es psychotherapeutische Unterstützung.
Wie sieht diese dann konkret aus? Bekommen die Frauen eine Therapie, gibt es eine medikamentöse Unterstützung oder eine Mischung aus beidem?
Oftmals sind die zeitlichen Ressourcen von jungen Eltern sehr begrenzt, weil das Kind nicht fremdbetreut werden kann oder die Mutter, die Eltern, das auch noch nicht möchten. Wenn sie also in die psychotherapeutische Praxis kommen, bringen sie das Baby mit. Es gibt aber auch die Möglichkeit, dass man Onlinesitzungen macht. Aber generell sehe ich die Frauen lieber persönlich, denn im Kontakt bekomme ich ein anderes Bild, kann die Körperhaltung und viele andere Signale einfach besser einschätzen. Dann stimmt man die Therapie individuell ab, je nach Schweregrad. Bei Frauen mit leichten oder mittleren Störungen versucht man durch Alltagsveränderungen eine Entlastung zu erreichen, dass sie wieder zu mehr Schlaf kommen. Denn Schlafmangel verstärkt jede Stimmungsschwankung. Dazu geht es in der Psychotherapie um Idealvorstellungen der Mutterschaft, also welche Glaubenssätze über die Mutterrolle hat eine Frau verinnerlicht, die bei ihr Druck auslösen, welche gesellschaftlichen Ideale hat sie stark internalisiert. Wir arbeiten daran, diese aufzulösen und neue Glaubenssätze zu formulieren, die weniger Druck aufbauen: Ich muss als Mutter nicht perfekt sein – gut genug ist auch ok, zum Beispiel. Außerdem arbeiten wir gemeinsam daran, die eigenen Bedürfnisse stärker zu spüren und bei Entscheidungen mit zu berücksichtigen. Das eigene Wohlbefinden ist zentral, denn nur dann kann ich auch in die Ko-Regulation gehen bei meinem Kind, nur dann kann ich da sein fürs Kind.
Und wenn es stärkere oder ausgeprägtere Störungsbilder sind? Was macht man dann als Therapeut/Therapeutin?
Wenn die Ängste oder die Depression sehr ausgeprägt sind und eine ambulante Psychotherapie dadurch kaum möglich – das ist der Fall, wenn die Mütter sich erst sehr spät melden – dann empfehle ich häufig ein Antidepressiva in Kombination mit der Therapie, um überhaupt eine Therapiefähigkeit herzustellen ohne vorherigen stationären Aufenthalt. Damit mache ich sehr gute Erfahrungen. Meist bessert sich der Zustand schnell und es können in der Folge auch in der Psychotherapie eher Fortschritte gemacht werden.
Durch die Behandlung ändert sich auch das Selbstbild einer Mutter und ich glaube darum geht es mir auch ganz konkret! Die Geburt ist der Start einer Familie. Es ist wichtig, wie ich selbst mich in dieser Rolle erlebe: Bin ich selbstbewusst, mit viel Selbstvertrauen, schaue ich positiv in die Zukunft. Bin ich durch starke Ängste oder Depressionen beeinträchtigt, erlebe ich mich als eine Versagerin. Viele Frauen empfinden Scham oder haben Schuldgefühle. Wenn negative Gefühle den Beginn eines Familienlebens prägen, begleitet das die Frauen oft über viele Jahre. Das muss nicht sein! Keine Frau ist schuld, wenn sie rund um die Geburt erkrankt.

Und man sollte auch die Kinder nicht vergessen. Denn unbehandelt hat die Störung vielleicht auch negative Auswirkungen auf ihre Psyche, oder?
Ja, das ist ganz wichtig! Ko-Regulation, auf ein Kind eingehen, es beruhigen… – das ist natürlich umso schwieriger, wenn eine Mutter psychisch beeinträchtigt ist. Und wenn dieser Zustand unbehandelt bleibt, dann mündet das oft in einem Parental Burn-out oder Mum-Burn-out. Das lässt sich oft im Nachhinein zurückverfolgen. Wenn eine Frau schon nach der Geburt merkt, ihr geht es dauerhaft nicht gut und sich dieser Zustand nicht verbessert, schleicht sich eine zunehmende Erschöpfung ein – mental und körperlich.
Das Parental Burn-out kann eigentlich erst diagnostiziert werden eineinhalb bis zwei Jahre nach der Geburt, davor sprechen wir immer noch von einer postpartalen Depression. Das Parental Burn-out ist zudem spezifischer, es ist eine spezifische körperliche und mentale Erschöpfung in Bezug auf die Elternrolle. Das zeigt sich unter anderem daran, dass man nicht mehr trösten oder das Kind nicht mehr herumtragen möchte, insgesamt kaum noch Freude an der Mutterrolle hat. Die Frauen sind oft so ausgebrannt, dass sie eine emotionale Distanz zum eigenen Kind aufbauen.
Rückblickend finde ich in den Sitzungen oft heraus: Eigentlich ging es vielen dieser Frauen schon nach der Geburt nicht gut, aber sie haben sich zusammengerissen und es ging irgendwie. Plötzlich, drei, vier Jahre später, macht das System nicht mehr mit und alles fällt in sich zusammen. Denn es gibt ja keine Pause vom Muttersein. Das ist ein Zustand, den ich 24/7 habe, die Verantwortung trage ich immer mit, egal was ich mache.
Was würden Sie jungen Müttern raten?
Lieber einmal zu früh eine Einschätzung von einer psychologischen Fachperson verlangen, die auf diesen Bereich spezialisiert ist, die Symptome schildern und sich einen fachlichen Rat holen. Entlastung zu finden, sich diese selbst zu erlauben ist hilfreich, um eigene Bedürfnisse überhaupt zu spüren. Vielleicht wirkt das sogar präventiv, so dass erst gar kein Störungsbild entsteht. Das ist meine Erfahrung. Wenn jemand leidet, dann ist da irgendeine Hürde, die die Person nicht selbständig nehmen kann, und das lohnt sich in der Therapie anzuschauen. Wenn die Therapiesitzungen nur wenige Male in Anspruch genommen wird, ist es doch umso besser.
Viele Frauen fühlen sich stigmatisiert, weil sie das Muttersein nicht gut meistern. Wie kann man ihnen da heraus helfen?
Ich glaube es ist einfach die Zeit für neue weibliche Narrative in der Gesellschaft. Es ist wichtig, das Wissen aus der Forschung klar zu vermitteln, das besagt: Das kommt relativ häufig vor. Jede siebte Frau erkrankt psychisch peripatal. Das heißt, sie sind nicht schuld an ihrem Zustand oder haben etwas falsch gemacht. Es ist vielmehr so, dass werdende Mütter damit rechnen sollten: Das könnte mir auch passieren. Und das ist kein Verfehlen oder Versagen, sondern dann weiß ich: Ich suche mir Hilfe. Genau wie bei den körperlichen Erkrankungen, die ja für diese Lebensphase auch ganz typisch sind, ist es auch bei den psychischen Erkrankungen. Man muss nicht so tun, als wäre das etwas Untypisches oder Ungewöhnliches.
Zur Person:

Angela Häne verfügt über einen PhD in klinischer Psychologie und Psychotherapie der Universität Zürich, sowie über einen PhD in Neurowissenschaften der ETH Zürich. Sie ist eidg. anerkannte Psychotherapeutin mit Schwerpunkt kognitive Verhaltenstherapie und Verhaltensmedizin und absolvierte ein DAS in kognitiv-verhaltenstherapeutischer Supervision.
In ihrer Praxis begleitet sie vor allem Frauen in sensiblen Lebensphasen von Kinderwunsch, Schwangerschaft, Geburt, Mutterschaft und Menopause. Weitere Behandlungsschwerpunkte sind Angst- und Zwangsstörungen, Stressfolgeerkrankungen (Burnout) sowie Depressionen.
Hier könnt ihr Unterstützung und weitere Informationen finden:
Erste Ansprechpartner bei psychischen Problemen in der Schwangerschaft und nach der Geburt können die Hebamme, die behandelnde Gynäkologin/der Gynäkologe oder die Hausärztin/der Hausarzt sein. Sie sind für das Thema sensibilisiert und helfen in jedem Fall weiter. Hier sind noch zusätzliche Adressen, die erste Infos und Unterstützung anbieten, die sich speziell an Mütter richten:
Wochenbett-Depressions-Hotline Klinikum und Fachbereich Medizin Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt
elternsein.info Nationales Zentrum Frühe Hilfen