Mütternetzwerke: So gelingt die Kontaktaufnahme

MUM, Menschen, SCHWANGERSCHAFT

Mütternetzwerke sind ein wichtiger Faktor für den gegenseitigen Austausch. Doch in Coronazeiten ist die Kontaktaufnahme erschwert. Wie und wo man trotzdem gleichgesinnte Mütter finden kann...

Von Andrea Hackenberg

Wenn der Rückbildungskurs nur online stattfindet, das Pekip-Training ausfällt und die Kinder morgens durch die Kita-Tür geschoben werden, bedeutet das weniger Kontakt. Frauen mit Kindern begegnen sich seit Beginn der Corona-Pandemie seltener, weil schlicht die Möglichkeiten dazu fehlen. Wer sich trotzdem mit anderen Müttern austauschen will, muss selbst die Initiative ergreifen – und bereit sein, andere Wege einzuschlagen als bisher.

Mütternetzwerke erleichtern den Alltag

In normalen Zeiten ist ein Mütternetzwerk das, was jeder Frau mit Kindern den Alltag erleichtert. Fahrgemeinschaften zum Baby-Schwimmkurs, Tipps für die Kinderarztsuche, gegenseitige Unterstützung und ein gemeinsamer Coffee-to-go auf der Spielplatzbank – das stärkt den Zusammenhalt. Seit zwei Jahren aber ist das alles kein Selbstläufer mehr. Nicht nur, dass Veranstaltungen im Zuge der Corona-Pandemie immer öfter ins Internet verlegt werden. Es gibt da auch eine Zurückhaltung bei den Müttern, die vorher nicht da war: Die Teilnahme am Babyschwimmen könnte schließlich zum Spreader-Event werden, und wer hat schon Lust auf Quarantäne mit Kleinkindern?

Mutter Netzwerk

„Viele Mütter sind wegen der Pandemie aktuell sehr verunsichert und kommen aus dem Denken nicht mehr heraus“, sagt Sarah Röhrbein, stellvertretende Leiterin der evangelischen Familienbildungsstätte (FABI) in Celle. „Da wird nicht mehr gesagt: Das machen wir jetzt einfach mal – sondern geplant und jedes Risiko abgewogen.“ Röhrbein koordiniert an der FABI die so genannten Delfi-Kurse, die Mütter und Babys im ersten Lebensjahr spielerisch begleiten. Ziel ist es, die Bindung zum Kind und die Kompetenzen der Mütter in der Gruppe zu stärken. Seit 1995 haben tausende Frauen dieses Programm deutschlandweit durchlaufen und damit den Grundstein für ihre teils lebenslangen Mütterfreundschaften gelegt. Wo solche Angebote durch die Pandemie wegfallen, entsteht eine Lücke, und es wird schwer, ein Netzwerk aufzubauen.

Zwischen Ansteckungsrisiko und der Lust auf Begegnungen

„Ich bin im Frühjahr 2020 mit meiner Familie von der Schweiz aus zurück nach Niedersachsen gezogen – mitten im ersten Lockdown“, erinnert sich zum Beispiel Jana. „Meine Tochter war noch kein Jahr alt, und alles hatte zu. Es gab keinen Delfi-Kurs, kein Babyschwimmen, keinen Spielkreis“, erzählt die Ingenieurin. Der Start im neuen Kindergarten verzögerte sich, das Ankommen im neuen Wohnort auch. Als mit dem Einsetzen der Lockerungen wieder mehr möglich war, belegte Jana gleich einen Rückbildungskurs. „Ich merkte aber schnell, dass die Mütter dort sehr vorsichtig waren und auf Abstand gingen“, berichtet die 34-Jährige. „Eine von ihnen hat ihr Kind zum Beispiel sofort weggezogen, als meine Tochter darauf zu robbte – aus Angst vor einer Ansteckung. Das war schon extrem.“

Jetzt, zwei Jahre und eine Impfkampagne später, ist der Ausnahmezustand zum Alltag geworden. Es gibt ein neues Normal, das oft seltsam anmutet, an das sich aber längst alle gewöhnt haben. „Zum Beispiel daran, dass unsere Kinder die Kita nur noch über das Außengelände betreten dürfen“, erzählt Gerrit (40), Geschäftsführerin aus dem Landkreis Celle. „Vor der Pandemie habe ich andere Mütter einfach im Kindergartenflur an der Garderobe kennengelernt. Das wäre heute gar nicht mehr möglich, denn wir Eltern müssen draußen bleiben.“

Impfen oder nicht: Eine Frage, die das Mütternetzwerk zusätzlich belastet

Neu ist auch das Gefühl, sich innerhalb eines schon bestehenden Mütternetzwerks abgrenzen und vor dem Virus schützen zu müssen. So war es für Sandra (49), Lehrerin aus Bremen, früher selbstverständlich, die Jungs aus der Fußballmannschaft ihres Sohnes zum Training mitzunehmen. „Heute denke ich zwei Mal nach, bevor ich so etwas anbiete, denn bei uns im Auto gilt 2G.“ Das stößt nicht überall auf Verständnis. Eine ungeimpfte Mutter aus der Nachbarschaft verließ deshalb die Fahrgemeinschaft zur Schule. Schon war das Netzwerk kleiner.

Antje, Grundschullehrerin aus Bremen, hat ihrer achtjährigen Tochter in diesem Winter nur noch Spielbesuche von Kindern erlaubt, deren Eltern geimpft sind. „Das ist nicht leicht für unsere Tochter, zwei ihrer besten Freundinnen kann sie seither nur noch im Freien treffen“, erzählt die 40-Jährige. Das Verhältnis zu der dazugehörigen Mutter ist dadurch etwas abgekühlt. Wobei: „Richtig befreundet waren wir auch vorher nicht“, schränkt Antje ein. Sie steht zu ihrer Entscheidung, aus Sorge vor Long Covid bei ihren Kindern. „Ich möchte mir später nicht vorwerfen, das zugelassen zu haben.“

Mütter Netzwerk

Online ist kein Ersatz für persönliche Treffen

Grundsätzlich sind Begegnungen zwar auch in der Pandemie möglich – im Freien, mit Hygienekonzepten, Abstandsregeln oder Online-Veranstaltungen. Doch gerade letztere sind kein vollwertiger Ersatz für echte Treffen, wenn man ein Mütternetzwerk aufbauen will. Das hat auch Sarah Röhrbein bei ihrer täglichen Arbeit beobachtet. „Online-Kurse haben eher einen informativen Charakter“, sagt sie. „Man kann zwar Fragen stellen, aber die emotionale Erfahrung fehlt. Da fällt es schwer, als Gruppe zusammenzuwachsen.“

Jana hat es trotzdem geschafft, sich unter Coronabedingungen mit anderen Müttern anzufreunden. „Ich lebe in einem kleinen Ort, da begegnet man sich immer wieder und ich bin einfach offen auf die Frauen zugegangen“, erzählt sie. Auch Gerrit wusste sich zu helfen, als der Geburtstag ihrer Tochter mitten in eine Lockdown-Phase fiel. Sie lud kurzerhand die ganze Kindergartengruppe über WhatsApp zu sich an den Gartenzaun ein. Fast alle Kinder kamen auf einen Muffin vorbei. „Über diese Aktion habe ich dann tatsächlich eine Mutter näher kennengelernt, die heute Teil meines Netzwerkes ist“, sagt sie. Was Sandra und Antje betrifft – in dem Mütterkreis, in dem die beiden sich bewegen, herrscht Konsens darüber, wie man mit dem Virus umgeht: „Wir sind alle geimpft und geboostert“, sagt Sandra. „Und wenn wir uns treffen, testen wir uns vorher.“

Mütterfreundschaften entstehen und bestehen also auch inmitten einer Jahrhundertpandemie. Was man dazu braucht? „Toleranz, Vertrauen und die Bereitschaft, sich auf andere einzulassen“, sagt Sarah Röhrbein. „Schließlich wollen wir ja alle möglichst bald wieder in Kontakt zueinander treten – am besten ganz ohne Einschränkungen.“

 

Einsam mit Baby? Eine Mutter erzählt, wie es ihr ergangen ist.

 

Bilder: Gettyimages

 

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