Laura Fröhlich: Der Mental Load muss gerecht aufgeteilt werden

FAMILIE, MUM, Menschen, Wohlfühlen

Fenke Gabriel-Schwan

„Mental Load“ beschreibt die Kopfarbeit und die mentale Belastung, die mit der Organisation von Haushalt und Familie einhergehen. Laura Fröhlich ist Coach und Expertin für Mental Load und verrät uns, wie man das Problem erkennt und lösen kann

Laura Fröhlich, Autorin & Coach

Wie kommt es zu Mental Load? Wer trägt diese Last?

Laura Fröhlich: Mental Load ist nicht ausschließlich, aber vorrangig ein Phänomen, mit dem Mütter zu tun haben. Im Zusammenhang mit Familie beschreibt es die ganze Organisation des Alltags. Natürlich gibt es auch viele Väter, die hier die Hauptlast tragen. Aber da in Deutschland immer noch die klassische Rollenverteilung vorherrscht, entwickelt sich diese Organisation des Alltags auch oft zur Aufgabe der Mutter beziehungsweise der Person, die schon von Anfang an den Großteil der Kinderbetreuung übernimmt, etwa in der Elternzeit. Sie wird zu einem Profi in allen Fragen rund um Kinderbetreuung und Haushalt, während der hauptverdienende Elternteil oft auch darüber hinaus außen vor bleibt. Für Ein-Eltern-Familien gilt natürlich eine ähnliche Situation, nur das hier anders an Lö- sungen gearbeitet werden muss.

Warum ist das Ganze denn so problematisch?

Mental Load ist deshalb ein Problem, weil es als selbstverständlich wahrgenommen wird. Die Arbeit die hinter der ganzen Organisation des Familienalltags steckt, ist fast unsichtbar, und es gibt keine Anerkennung dafür. Vergleicht man es mit dem Berufsleben, etwa als Projektmanager_in, dann gibt es dort zuallererst mal Kollegen_innen, mit denen man sich die Arbeit teilt. Führungskräfte lassen sich zuarbeiten, es gibt Kalender und alle möglichen Tools, die einem die Arbeit einfacher machen. Und nicht zuletzt wird man entsprechend entlohnt durch ein Gehalt, und man hat auch einfach mal Feierabend und kann total abschalten. Viele Aufgaben der Familienorganisation dagegen werden ja gerade dann noch gemacht, wenn die Kinder im Bett sind, also ein „Feierabend“, ein Zur-Ruhe-Kommen für die Eltern überhaupt erst möglich wäre. Zu einer Überlastung kommt es dann, wenn immer mehr auf eine Person abgeschoben wird. Es kann sich auch ganz langsam über Jahre einschleichen.

 

Aufgabenbereiche die in der Familie anfallen: Vor allem die Menge verursacht den Mental Load

 

Das klingt so, als ob wir von wirklich gleichberechtigter Elternschaft noch weit entfernt seien …

Ja, leider. Das Bild der fürsorgenden Mutter ist in der Gesellschaft einfach sehr tief verankert – so fühlen Frauen sich immer noch durch den gesellschaftlichen Druck für viele Aufgaben in der Familie hauptverantwortlich.

In der Diskussion um die Verteilung der Rollen kommt auch immer wieder das Stichwort Maternal Gatekeeping auf. Wie siehst du den Zusammenhang?

Manche Mütter können schwer loslassen, das stimmt – besonders in den Babyjahren. Und was sich einmal manifestiert hat, ist nur mühsam aufzulösen. Aber Frauen werden auch immer noch in die Rolle der versorgenden Mutter gedrängt – und dann plötzlich dafür kritisiert, dass sie genau diese Rolle verteidigen. Bei aller Emanzipation müssen Frauen immer wieder feststellen, dass Männer so viel mehr Macht haben – da sind Haushalt und Kinder oft die letzte Machtinstanz, die Frauen bleibt. Aber zu erkennen, dass ich als Frau und Mutter schlecht abgeben kann, dass ich die hohen Ansprüche, die von außen an mich gestellt werden, gar nicht erfüllen kann, ist ein erster Schritt, um das Problem zu lösen.

Nur wer den Mental Load in der Familie teilt, vermeidet auf lange Sicht den Burn Out. | Foto: Getty

Welche Rolle spielen hier Soziale Medien wie Instagram?

Bei Instagram sehen wir, wie man sich als Mutter ausleben kann. Selbstgebackene Kuchen, die Wohnung ist immer aufgeräumt, die Kinder spielen stets mit pädagogisch wertvollem Spielzeug. Es wird oft nur das perfekte Bild gezeigt, das erhöht natürlich den Druck immens. Man darf aber dabei nicht vergessen – dies ist auch alles eine Frage der Privilegien. Man muss es sich auch leisten können, dass zum Beispiel nur einer der Partner arbeitet.

Das Thema Mental Load kam auch besonders in der Coronakrise noch mal auf den Tisch, denn gerade von Eltern wurde ganz schön viel erwartet …

In dieser Zeit wurde einfach deutlich, wie viel Arbeit Care-Arbeit ist. Das macht man nicht mal eben nebenbei im Homeoffice. Leider haben auch hier in beruflicher Hinsicht hauptsächlich die Mütter gelitten. Da sie in der Regel immer noch weniger verdienen, stecken sie in einer solchen Zeit eher zurück – versuchen im Teilzeitjob, das Homeschooling zu wuppen, lassen sich sogar krankschreiben oder nehmen unbezahlten Urlaub. Kinder sind eben aus Sicht der Gesellschaft immer noch Sache der Mütter, das wurde in dieser Krise deutlich.

Wie kann man denn von Anfang an vermeiden, dass der Mental Load zu groß wird?

Als Erstes muss man sich der stereotypen Rollenbilder bewusst werden und sich davon lösen. Es ist bewiesen, dass sich eine Mutter nicht grundsätzlich besser um das Baby kümmern kann als der Vater. Wenn das geklärt ist, kann man sich auch die Aufgaben ganz gleichberechtigt aufteilen. Wichtig ist auch, dass die Care-Arbeit als Arbeit definiert wird. Sich um Kinder zu kümmern und den Haus- halt zu organisieren ist Arbeit, die man, wie schon gesagt, nicht „mal eben nebenbei“ macht. Entsprechend kann man sich hier mit verschiedAeUnTeOn Tools organisieren – einem Haushaltsplan zum Beispiel, in dem verdeutlicht wird, wie viel Zeit die verschiedenen Aufgaben einnehmen werden. Wer sich etwa den ganzen Tag um ein kleines Baby kümmert, ist nur damit beschäftigt. Alle anderen Aufgaben müssen aufgeteilt werden. Dann sollten sich beide Elternteile immer so abwechseln, dass alle Aufgaben gleichberechtigt übernommen werden können – zum Beispiel, wenn einer krank ist. Das gilt für getrennt erziehende Paare ebenso. Ein-Eltern-Familien schaffen sich dafür im besten Fall ein Netzwerk aus Großeltern, Nachbarn oder Freunden. Gerade Frauen müssen erst lernen, Hilfe anzunehmen.

Welche Tools kannst du denn empfehlen für die Organisation?

Es gibt ganz unterschiedliche Wege, sich zu organisieren. Anfangen sollte man vielleicht damit, die anfallenden To- dos überhaupt in einer Liste festzuhalten, handschriftlich oder in einer Excel-Liste. In meinem Buch findet man dafür zum Beispiel eine Vorlage zum Download. Mit einer solchen Liste macht man die Arbeit sichtbar und kann sie dann besser aufteilen. Termine sollten in einem gemeinsamen Kalender stehen, auch wenn sie nur ein Elternteil wahrnimmt. Perfekt geeignet sind natürlich auch verschiedene Apps, zum Beispiel Trello. Hiermit kann man nicht nur die Aufgaben untereinander aufteilen, sondern auch die Zeit einschätzen und sichtbar machen. Ganz wichtig im Alltag ist und bleibt aber die direkte Kommunikation miteinander. Sich einmal die Woche zusammenzusetzen und gemeinsam die Woche zu planen und über wichtige To Dos zu sprechen rate ich jedem!

Laura Fröhlich arbeitet als Journalistin und im Online-Marketing. Auf ihrem Blog heuteistmusik.de beschäftigt sie sich mit Familie, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Feminismus und finanzieller Unabhängigkeit von
Frauen. Sie ist verheiratet und hat drei Kinder. Ihr Buch „Die Frau fürs Leben ist nicht das Mädchen für alles: Was Eltern
gewinnen, wenn sie den Mental Load teilen“ ist erschienen im Kösel Verlag (16 Euro)

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