Impfen

Impfung und Kinderkrankheiten: Das rät ein Kinderarzt

BABY, Wissen

Uli Morant

Impfungen schützen die Gesundheit von Babys, gerade in den ersten beiden Jahren, wo viele Krankheiten lebensbedrohlich werden können. Wir haben einen Kinderarzt gefragt, worauf man dabei achten sollte.

Herr Naami, ab wann können Säuglinge in der Regel geimpft werden?

Nibras Naami: Das ist dem STIKO-Kalender zu entnehmen, also dem Impfkalender, den die Ständige Impfkommission (= STIKO) veröffentlicht und regelmäßig anpasst. Die erste Impfung gegen Rotaviren kann schon mit sechs Wochen gegeben werden. Wenn der Säugling zwei Monate alt ist, geht es dann los mit der Sechsfachimpfung.

Was sich im allgemeinen Impfkalender geändert hat, ist die Impfhäufigkeit. Früher wurden Babys im Altern von zwei, drei und vier Monaten geimpft, dann wieder mit elf Monaten. Jetzt impft man im Alter von zwei Monaten, mit vier Monaten und dann mit elf Monaten. Die Impfung, die in der Regel mit drei Monaten gemacht wurde, lässt man weg. Das beeinträchtigt den Schutz nicht und bringt Eltern und Kindern Entlastung.

Viele Eltern haben Sorge vor der Sechsfachimpfung. Gibt es auch eine Möglichkeit, die Impfungen anders aufzuteilen, also vielleicht nur drei Wirkstoffe zu impfen?

Es gibt zwar im Prinzip die Möglichkeit, das ist medizinisch gesehen aber keinesfalls zu empfehlen. Diese Sorge versuchen wir Kinderärzte den Eltern zu nehmen. Die gesundheitlichen Risiken sind deutlich höher, wenn ein Kind nicht geimpft ist. Die Impfungen haben zu einer radikalen Verbesserung der allgemeinen Kindergesundheit geführt. Eines der besten Beispiele ist die Polioimpfung, also die gegen Kinderlähmung, die in dem Sechsfachimpfstoff enthalten ist.

Bestimmte Virengruppen, die diese Erkrankung verursachen, sind schon völlig ausgerottet, die Erkrankung an sich ist selten geworden. In Ländern aber, wo aufgrund von Krisen zu schlecht geimpft wird, kommt sie schnell wieder zurück. In Syrien zum Beispiel ist sie verstärkt auf dem Vormarsch. Man sieht anhand dieser Beispiele, was passieren kann, wenn man das Impfen einstellt oder nicht richtig wahrnimmt.

Bei uns kann diese Impfmüdigkeit in der falschen Sorge begründet sein, dass das Kind die Impfung nicht verträgt, doch mit dem Verzicht aufs Impfen kauft man sich hohe Risiken ein. Keuchhustenerkrankungen sieht man heute selten, weil dagegen geimpft wird. Doch früher sind daran häufig Kinder im ersten Lebensjahr verstorben. Kurz gesagt: Wir Kinderärzte raten dringend davon ab, an dem Impfschema „herumzuschrauben“.

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Auch gegen Meningokokken wird geimpft, doch hier gibt es verschiedene Typen. Können Sie dazu etwas sagen?

Ja, es gibt ganz viele Typen, aber B und C sind in Deutschland ziemlich häufig. Vorgesehen ist die Meningokokken-C-Impfung mit zwölf Monaten. Das ist mit die gefährlichste Form, die häufig zu sehr schweren Krankheitsverläufen führt, deshalb hat man hier relativ früh an einer Impfung gearbeitet. Bei der Gruppe B war es schwieriger, einen Impfstoff zu entwickeln, darum wurde der etwas später zugelassen.

Es ist in Deutschland generell nicht so, dass wir wie Pioniere voran treten und neue Impfungen als Erste einführen, sondern es wird geprüft, was es an Studien aus anderen Ländern gibt und ob wir diese Impfung schließlich empfehlen können. Bei der Impfung gegen Meningokokken B gibt es noch nicht so viele Daten, darum hat die STIKO diese noch nicht in den allgemeinen Impfkalender aufgenommen. Die Realität sieht aber so aus, dass die meisten Kinderärzte schon dagegen impfen, weil die Gruppe-B-Meningokokken am häufigsten vorkommen in Deutschland. Sie können zu ähnlich schweren Verläufen wie die Meningokokken C führen. Grundsätzlich ist eine Meningokokkeninfektion der Horror eines jeden Kinderarztes.

Weil die Krankheit schwer zu diagnostizieren ist und die Kinder darum meist zu spät in die Klinik kommen?

Meningokokken können eine schwere Hirnhautentzündung und eine sogenannte fulminante Blutvergiftung verursachen und sich so rapide ausbreiten, dass man als Mediziner nur noch hinterherläuft. Das kann von völliger Beschwerdefreiheit in den Morgenstunden bis zur Einweisung auf die Intensivstation oder im schlimmsten Fall zum Tod am Nachmittag führen. Diese Infektion ist extrem gefährlich und wir sind sicher, dass diese Impfempfehlung der STIKO bald noch kommen wird. 

Stecken die Babys die Impfungen eigentlich gut weg? Wie sind hier Ihre Erfahrungen?

Es ist ein Trugschluss zu denken, die kleinen Kinder vertragen die Impfungen noch nicht. Vielmehr muss man sich immer vor Augen halten, dass die Krankheiten, gegen die wir impfen, für Kinder im ersten und zweiten Lebensjahr besonders gefährlich sind. Deswegen ist es ganz besonders wichtig, dagegen zu impfen.

In den sozialen Medien gibt es immer wieder Horrorgeschichten von Impfschäden. Was würden Sie Eltern sagen, die deshalb ihre Kinder lieber nicht impfen lassen wollen?

Grundsätzlich ist es nicht ausgeschlossen, dass es Impfschäden geben kann, allerdings in den seltensten Fällen. Das steht in keinem Verhältnis zu den Schäden, die die Erreger anrichten, gegen die man impft. Die Risiken, die durch eine solche Erkrankung entstehen,  sind deutlich höher. Gerade in der Klinik bekommen wir oft die schweren Fälle, also die mit Komplikationen, zu Gesicht, und natürlich fragen sich die Eltern dann: Hätte man das verhindern können? Die Antwort ist leider in vielen Fällen: Ja, hätte man, durch eine Impfung.

Wissen viele Eltern vielleicht gar nicht, welche schlimmen Spätfolgen zum Beispiel eine Maserninfektion haben kann?

Gerade bei Masern ist oft schon der Krankheitsverlauf bei vielen Kindern sehr heftig. Manche werden so krank, dass sie im Krankenhaus behandelt werden müssen. Masern können im Körper verweilen und Monate bis Jahre nach der Infektion eine gefährliche Gehirnentzündung (die sog. Encephalitis) verursachen, die in vielen Fällen leider nicht zu behandeln ist und tödlich verläuft. Vielen Eltern ist das nicht bewusst, auch weil es sehr zeitversetzt zu der eigentlichen Krankheit abläuft. Doch in anderen Ländern kann man sehen, wie schlimm Masernepidemien sind.

Wenn wir aktuell nach Afrika blicken – der Kongo steckt in drei Epidemien, die gleichzeitig wüten: Masern, Ebola und Covid-19. Von den dreien ist Covid-19 das kleinste Übel und auch Ebola ist nicht das schlimmste, es sind die Masern. Daran sterben die meisten Kinder – und auch viele Erwachsene. Man sieht dort, dass der Verlauf bei Masern deutlich schlimmer ist als bei Covid-19. Darum war es aus Sicht von Kinderärzten sinnvoll, eine Impfpflicht gegen Masern einzuführen, bevor die Kinder in die Kita gehen.

Was soll man tun, wenn das Baby stark auf die Impfung reagiert, beispielsweise mit Fieber, Unruhe, häufigem Weinen?

Als Erstes würde ich empfehlen, ruhig zu bleiben und das Kind zu beobachten. Eine gewisse Reaktion auf die Impfung ist etwas ganz Natürliches. Auch Fieber in normalem Maße ist kein Grund zur Beunruhigung, denn man gibt dem Immunsystem durch die Impfung einen Anreiz, Antikörper zu bilden und Abwehrzellen auszureifen, die diese Erreger erkennen. Diese Reaktion kann Fieber verursachen. Viele Babys haben – genau wie wir Erwachsenen – nach einer Impfung Schmerzen an der Impfstelle. Natürlich wird der Säugling weinerlich sein oder schreien, wenn man aus Versehen diese Stelle berührt.

Trotzdem sollte man, wenn das Kleine Fieber hat, die Impfstelle kritisch anschauen. Ist diese gerötet oder geschwollen, dann besser den Kinderarzt noch einmal drauf gucken lassen, denn natürlich kann an der Einstichstelle auch einmal eine Infektion entstehen. Sollte das Fieber über längere Zeit nicht weggehen, sollte man noch einmal zum Kinderarzt gehen und das Baby untersuchen lassen.

Wie lange dauert so eine Impfreaktion in der Regel, womit muss man rechnen?

Ich würde ein bis zwei Tage rechnen, wenn es darüber hinausgeht, würde ich den Kinderarzt aufsuchen. Eine pauschale Empfehlung ist hier schwer zu geben, denn es hängt vom Zustand des Kindes ab. Wenn ein Baby hoch fiebert, würde ich es dem Arzt gleich am Tag nach der Impfung noch einmal vorstellen. Lieber einmal mehr als einmal weniger, die Kinderärzte haben da vollstes Verständnis.

Gibt es Kinder, die man nicht impfen lassen sollte, weil sie vielleicht frühgeboren sind oder Krankheiten haben?

Was Frühgeborene angeht: Diese Kinder sollte man erst recht impfen lassen. Die Empfehlung ist, dass Frühgeborene weiter nach dem 3-plus-1-Schema geimpft werden, sie kriegen also eine Impfgabe mehr als Normalgeborene. Aber es gibt auch Patientengruppen, die man zurückhaltender impfen würde, etwa wenn schwere Immundefekte vorliegen. Das sind aber sehr seltene Erkrankungen, die im Neugeborenenscreening auffallen können oder von einem Kinderimmunologen herausgefunden werden. Die allermeisten Kinder können jedoch uneingeschränkt geimpft werden.

Denken Sie, die Aufklärung über Impfungen könnte noch forciert werden? Oft ist es so, dass man das erste Mal den Säugling beim Kinderarzt vorstellt und dann muss oft schon geimpft werden.

Aufklärung ist immer wichtig und nützlich, vor allem weil übers Internet viele Informationen ungefiltert auf Eltern einprasseln – und nicht alle davon wirklich richtig sind. Seit einem Jahr wissen viele, dass die STIKO bei Impfungen eine gute und verlässliche Quelle von Informationen ist, das war vor der Pandemie nicht so. Aber die erste Anlaufstelle für eine individuelle Beratung zu den Impfungen sollte der Kinderarzt sein.

Diese Impfungen werden aktuell von der STIKO empfohlen:

Rotaviren

Geimpft wird ab der 7. Lebenswoche; eine
Auffrischung erfolgt mit 3 Monaten.

Sechsfachimpfung

Gegen Tetanus, Diphterie, Pertussis (Keuch-
husten), Hämophilus Influenzae Typ b (Hib),
Poliomyelitis (Kinderlähmung), Hepatitis B.

Geimpft wird das Baby mit 2 Monaten und mit
4 Monaten. Die dritte Grundimmunisierung
erfolgt im Alter von 11 Monaten.

Pneumokokken

Geimpft wird gleichzeitig mit der
Sechsfachimpfung.

Meningokokken C

Geimpft wird mit 12 Monaten.

Masern, Mumps, Röteln,
Varizellen

Im Alter von 11 Monaten erfolgt die erste Impfung, die zweite mit 15 Monaten.

 

Zur Person:

ImpfenNibras Naami ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Düsseldorf. Zusammen mit seinem Kollegen, dem Oberarzt Florian Babor, produziert er den Podcast „Hand, Fuß, Mund“, der sich rund um Kinder-und Jugendmedizin dreht. handfussmund.de

 

 

 

 

 

 

Bilder: Gettyimages, Uniklinik Düsseldorf

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