Stillhormone: Was passiert im Körper beim Stillen?

Stillhormone: Was passiert im Körper beim Stillen?

BABY, Food

Was passiert beim Stillen im Körper? Welche Hormone bewirken, dass alles reibungslos läuft? Wir haben beim Experten nachgefragt.

Warum fühlt sich Stillen so gut an? Warum beruhigen sich Mutter und Baby beim Anlegen fast wie von Zauberhand? Und warum erholen sich stillende Frauen schneller von der Geburt? Die Antwort steckt in zwei Hormonen – Oxytocin und Prolaktin – die beim Stillen eine erstaunliche Rolle spielen.

Wir haben Prof. Dr. Michael Abou-Dakn gefragt: Gynäkologe, Laktationsberater und einer der renommiertesten Experten für Frauenheilkunde und Stillmedizin in Deutschland. Er erklärt was im Körper passiert sobald das Baby an der Brust trinkt, was es mit dem Kolostrum auf sich hat und warum stillende Mütter seltener an Wochenbettdepressionen leiden.

Professor Abou-Dakn, welche Hormone spielen beim Stillen eigentlich eine Rolle?

Professor Abou-Dakn: Entscheidend sind die zwei Hormone Oxytocin und Prolaktin. Das Oxytocin bildet sich bereits während der Schwangerschaft im Körper der Frau und sorgt dafür, dass die Wehen ausgelöst werden. Nach der Geburt bildet sich dank dieses Hormons die Gebärmutter wieder zurück, weshalb stillende Frauen sich schneller von einer Geburt erholen als Frauen, die nicht stillen. Speziell für das Stillen ist Oxytocin ebenfalls wichtig, da es die Brustdrüsen anregt und so für die Milchbeförderung sorgt. Das Saugen des Babys wiederum fördert die Oxytocinausschüttung. Oxytocin macht glücklich und entspannt sowohl die Mutter als auch das Kind.


Das Prolaktin ist für die Produktion der Milch verantwortlich, bewirkt aber auch, dass sich die Mutter gerne um das Kind kümmert. Die Ausschüttung von Prolaktin wird je nach Bedarf reguliert: Saugt das Baby häufiger an der Brust, werden entsprechend mehr Hormone ausgeschüttet und umgekehrt. Somit sind beide Hormone wichtig für die Bindung von Mutter und Kind. Dies spielt direkt nach der Geburt eine entscheidende Rolle. Durch die Hormone findet das Neugeborene beispielsweise selber zur Brust und fängt auch direkt an zu saugen. Hormone, Körperkontakt und die gemeinsam überstandene Geburt stärken die natürliche Bindung zwischen Mutter und Kind.

Stillen Interview Experte
Beim Stillen wird Oxytocin ausgeschüttet, was beruhigend und stimmungsaufhellend wirkt.

Bleibt die Hormonausschüttung während der gesamten Stillzeit konstant?

Genau wie die Menge der Milch wird auch die Hormonausschüttung je nach Bedarf reguliert.

Ab wann wird die Milch in den Brustdrüsen produziert?

Das passiert bereits in der Schwangerschaft. Etwa am dritten Tag nach der Geburt kommt es zum sogenannten Milcheinschuss, mit dem die Milchproduktion vermehrt einsetzt. Allerdings gibt es bereits direkt nach der Geburt die Neugeborenenmilch, auch Kolostrum genannt. Diese ist wichtig für den Säugling, da sie essenzielle Nährstoffe und Antikörper, aber auch Endorphine enthält. So kann das Baby die schmerzhafte Geburt überwinden, ist vor Infektionen geschützt und bis zum Milcheinschuss gut versorgt.

Beeinflusst die Ernährung der Mutter eigentlich die Milchproduktion oder die Stillhormone?

Der Zusammenhang zwischen der mütterlichen Ernährung und dem Stillen ist immer ein großes Thema. Es ist jedoch ein Trugschluss zu glauben, dass der Säugling Blähungen bekommt, wenn die Mutter zum Beispiel Zwiebeln isst. Grundsätzlich wird empfohlen, sich am Anfang der Stillzeit ähnlich zu ernähren wie während der Schwangerschaft. Es wurde nämlich beobachtet, dass Säuglinge irritiert sind, wenn sich der Speiseplan der Mutter plötzlich komplett verändert. Außerdem ist davon auszugehen, dass Babys, die gestillt werden, deutlich weniger unter Koliken leiden. Rauchen ist natürlich ein absolutes No-Go, nicht nur wegen der Schadstoffe, sondern auch, weil es die Milchproduktion hemmt.

Wie ist es mit der sogenannten Wochenbettdeppression: Kann Stillen aufgrund der Hormone auch depressiv machen?

Nein, eher das Gegenteil. Es ist nachgewiesen, dass stillende Frauen den Babyblues schneller überwinden. Auch Wochenbettdepressionen sind bei ihnen seltener. Ob eine bereits bestehende Depression durch die „Verantwortung“, sich um das Kind zu kümmern, noch verstärkt wird, ist hingegen nicht so einfach zu klären und müsste individuell beobachtet und entschieden werden.

Wie lange sollten Mütter im Idealfall stillen?

Die WHO empfiehlt, zum Wohle des Kindes und der Mutter, mindestens sechs Monate voll zu stillen. Dem würde ich mich anschließen. Wie lange dann weitergestillt wird, hängt von der Mutter und dem Kind ab. Es kann aber bis zum zweiten Lebensjahr gestillt werden. Ab dem fünften Monat kann auch Beikost dazugegeben werden, wenn das Kind Interesse daran hat. Ab dem siebten Monat sollte allen Kindern Beikost angeboten werden.

Zur Person:

aboudakn

Prof. Dr. Michael Abou-Dakn forscht und arbeitet seit Jahrzehnten im Bereich der Frauenheilkunde sowie als Laktationsberater und setzt sich für das babyfreundliche Krankenhaus ein. Zu seinen Lieblingsthemen gehört die Bindung zwischen Mutter und Kind und wie man diese bereits bei der Geburt stärken kann, etwa durchs Stillen. Welche Rolle dem Vater zufällt, erforscht er auch.

Die wichtigsten Fragen zum Thema Stillen haben wir hier für euch zusammengefasst:

Welche Hormone sind beim Stillen wichtig?

Beim Stillen spielen vor allem zwei Hormone eine entscheidende Rolle: Oxytocin und Prolaktin. Oxytocin sorgt für die Milchbeförderung und macht Mutter und Kind entspannt und glücklich. Prolaktin ist für die Milchproduktion verantwortlich und fördert die Fürsorge der Mutter für ihr Kind.

Ab wann wird Muttermilch produziert?

Die Milchproduktion beginnt bereits in der Schwangerschaft. Direkt nach der Geburt gibt es zunächst das sogenannte Kolostrum – die Neugeborenenmilch. Sie enthält essenzielle Nährstoffe, Antikörper und Endorphine. Etwa am dritten Tag nach der Geburt setzt mit dem Milcheinschuss die vollständige Milchproduktion ein.

Wie lange soll man stillen?

Die WHO empfiehlt mindestens sechs Monate voll zu stillen. Weitergestillt werden kann bis zum zweiten Lebensjahr. Ab dem fünften Monat kann Beikost ergänzt werden wenn das Kind Interesse zeigt, ab dem siebten Monat sollte sie allen Kindern angeboten werden.

Kann Stillen depressiv machen oder die Wochenbettdepression verstärken?

Nein – eher das Gegenteil ist der Fall. Stillende Frauen überwinden den Babyblues nachweislich schneller und leiden seltener unter Wochenbettdepressionen. Die beim Stillen ausgeschütteten Hormone wirken entspannend und stimmungsaufhellend.

Muss man beim Stillen besonders auf die Ernährung achten?

Grundsätzlich empfiehlt sich eine ähnliche Ernährung wie in der Schwangerschaft. Der weit verbreitete Glaube, dass bestimmte Lebensmittel wie Zwiebeln dem Baby Blähungen verursachen, ist ein Irrtum. Wichtig ist: Rauchen ist absolut tabu. Es schadet nicht nur durch Schadstoffe, sondern hemmt auch die Milchproduktion.

Warum leiden gestillte Babys seltener unter Koliken?

Gestillte Babys leiden nachweislich deutlich seltener unter Koliken als Flaschenkinder. Der genaue Mechanismus ist noch nicht vollständig erforscht, hängt aber vermutlich mit der optimalen Zusammensetzung der Muttermilch und den darin enthaltenen Antikörpern zusammen.

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