Schnuller Ja oder Nein

Schnuller – ja oder nein? Das rät die Zahnärztin

BABY, Pflege, Wissen

Uli Morant

Schnuller sind ein wichtiges Beruhigungsmittel für Säuglinge. Zu langes Tragen kann dagegen Zahnfehlstellungen zur Folge haben. Wir haben bei einer Zahnärztin nachgefragt, was man beachten sollte, wie lange der Schnuller gegeben werden darf und was der Unterschied zwischen einem aktiven und einem passiven Schnuller ist.

Frau Westermann, warum ist ein Schnuller wichtig für Säuglinge?

Andrea Westermann: Es gibt unterschiedliche Phasen, in denen ein Schnuller für den Säugling wichtig sein könnte. Es gibt Babys die zu früh zur Welt kommen und darum keinen richtigen Saugreflex haben. Die bekommen den Saugreflex mit einem Schnuller antrainiert, damit sie dann gut an der Brust trinken können. Dabei hilft ein spezieller Schnuller. Zudem gibt es den natürlichen Saugreflex, wobei sich Experten im Moment uneins darüber sind, wie lange der bei Kindern andauert. Man geht davon aus, dass 50 Prozent der Kinder bis zu einem Alter von drei Jahren diesen Reflex haben. Deswegen sagt man bevor sie am Daumen oder an etwas anderem lutschen – Kinder können ja wirklich an allem lutschen–, sollen sie einen Schnuller und möglichst den richtigen Schnuller benutzen.

Was macht man, wenn die Kinder den Schnuller verweigern?

Es gibt Kinder, die nehmen keinen Schnuller, die wollen lieber an der Brust trinken. Das ist sogar physiologischer. Wenn an nichts anderem herumgesaugt wird, ist die Brust der beste Schnuller.

Das finden bestimmt nicht alle Mütter toll…

Ja, für die Mütter ist das natürlich hart. Aber von der Kieferentwicklung her wäre die Brust das Beste. Wenn man das nicht möchte, sollte man einen Schnuller wählen der bestimmte Eigenschaften hat, damit das Fehlbildungsrisiko so gering wie möglich ist.

Die da wären?

Es sollte ein Schnuller sein, dessen Spitze besonders klein ist und sie sich besonders flach drücken lässt, sodass im Munde genügend Platz bleibt und die Zunge ohne Probleme gegen den Gaumen drücken kann. Dünn und kurz sollte er sein, das ist entscheidend. Und man sollte bei Säuglingen in jedem Fall bei der kleinsten Größe bleiben.

Schnuller

Dünn und kurz sollte der Schnuller für Säuglinge sein.

Ist das Material auch wichtig?

Kautschuk oder Latex? Ich weiß, die Mütter tendieren im Moment zu Naturkautschuk, aus medizinischer Sicht spielt das aber keine Rolle. Von der Funktion her macht das keinen Unterschied. Vielleicht muss man die aus Naturkautschuk häufiger austauschen, weil das Material schneller brüchig wird.

Wann ist der frühestmögliche Zeitpunkt, um auf einen Schnuller zu verzichten oder den Schnullergebrauch zu reduzieren?

Kinder kommen mit einem Saugschluckmuster zur Welt. Mit etwa sieben Monaten, wenn die Babys anfangen sich für feste Nahrung zu interessieren, geht der über in einen Kauschluckmuster. Im Prinzip ist das auch der Moment, in dem die meisten Kinder den Saugreflex ablegen und eigentlich keinen Schnuller mehr bräuchten. Alles was hinterher, also so nach einem Jahr kommt, ist dann ein antrainiertes Saugen. Viele Kinder legen den Nucki einfach zur Seite, sobald der Saugreflex ins Kauschluckmuster wechselt. Auf jeden Fall sollte der Schnuller nach dem ersten Lebensjahr weg. Danach sollte man spätestens versuchen ihn loszuwerden. Denn zwischen dem ersten und zweiten Lebensjahr entwickeln Kinder eine Bindung zu Objekten. Davor ist ein guter Zeitpunkt zum Abtrainieren, denn sie vermissen den Schnuller noch nicht. Spätestens nach drei Tagen ist er dann vergessen.

Aber viele Kinder haben den Schnuller bis zu einem Alter von drei Jahren und auch dann noch Mühe, sich den zu entwöhnen.

Das Problem ist, dass viele Eltern denken, man müsste den Schnuller in der Größe ans Alter der Kinder anpassen. Das steht ja auch so auf der Packung drauf. Aber die meisten Schnuller sind dann riesig. An denen muss man nicht mal mehr lutschen, den steckt man in den Mund wie einen Korken. Das kann man den Kindern antrainieren, wenn man ihnen jedes Mal, wenn sie ein Unwohl äußern, den Schnuller in den Mund steckt. Wenn man aber versuchen würde, den Schnuller in einem Kindesalter von 7-8 Monaten abzugewöhnen, würden die Kinder das gar nicht mehr brauchen. Auf keinen Fall brauchen sie eine größere Größe. Je größer der Schnuller ist, desto passiver sitzt er im Mund.

Viele Schnuller sehen einfach süß aus…

Ja, gerade diese Kirschschnuller, die im Moment im Trend sind. Aus Studien weiß man aber auch, dass die sehr schlecht sind, was die Druckverteilung auf den Gaumen angeht. Diese Schnuller bleiben im Mund des Kindes, egal was passiert. Viele Mütter berichten mir in meine Seminaren, dass das der erste Schnuller gewesen sei, den das Baby nicht ausgespuckt habe. Aber das ist nicht gut, denn auch das Saugen am Schnuller muss man trainieren wie an der Brust. Es ist ein Zusammenspiel der Zungenmuskulatur, der Gesichtsmuskulatur, des Gaumens… Ein Schnuller sollte nicht einfach passiv im Mund verbleiben, sondern aktiv genutzt werden. Das jedoch ist mit so einem Schnuller gar nicht möglich.

Kann man also später anhand des Zahnstands feststellen, welche Kinder einen Schnuller getragen haben?

Ja, viele Schnullerkinder haben einen offenen Biss, das heißt dass die Zahnreihen nach vorne offen sind. Bei der Wahl des Schnullers geht es immer auch darum, wie viel Platz er der Zunge wegnimmt. Wenn ich mir zum Vergleich als Erwachsener einen Korken in den Mund stecke, kann ich nachempfinden, wie viel Platz der einnimmt. Wenn ich damit lerne zu atmen, zu schlucken und zu sprechen…, dass das nicht gut ist, kann man sich vorstellen.

Schnuller Trost

Nicht immer ist ein Schnuller das richtige Beruhigungsmittel.

Das ist also nicht nur schädlich für die Zähne wegen möglicher Fehlstellungen, sondern ist für den ganzen Mund-Gaumenbereich nicht gut?

Die Kinder haben den Schnuller ja passiv im Mund. Das heißt der Schnuller wird nicht flachgedrückt. Zähne haben die Tendenz aufeinander zuzuwachsen. Wenn die Kinder aber einen Fremdkörper im Mund haben, dann wachsen zwar die hinteren Zähne aufeinander zu, aber bei den Schneidezähnen bleibt eine Lücke. Außerdem wird der falsche Druck auf das Gaumendach ausgeübt, sodass der Oberkiefer ganz schmal wird. Das lässt sich in zu vielen Fällen nicht beheben. Das ist später dann etwas für den Kieferorthopäden.

Sie würden also sagen,  Schnullerträger sind später Patienten beim Kieferorthopäden?

In vielen Fällen läuft es darauf hinaus. Ein Teil der Zahnfehlstellungen ist natürlich auch genetisch bedingt. Es lässt sich nicht alles verhindern.

Manche Kinder sprechen auch gerne mal mit dem Schnuller im Mund…

Tatsächlich ist es leider so, dass einige mit diesem Fremdkörper im Mund das Sprechen lernen. Dieses Muster verfestigt sich. Die Kinder haben dann häufig einen seitlichen Sprachfehler, also zum Beispiel ein seitliches Lispeln oder können sch-Laute oder Töne, die im vorderen Mundraum gebildet werden, nicht richtig artikulieren. Eine Logopädin hat mir kürzlich erklärt, dass es bis zu zwei Jahren dauern kann, bis man solche Sprachbesonderheiten wieder abtrainiert hat.

Als Eltern steckt man dem Kind aber oft schnell mal den Schnuller rein, auch damit die Kleinen ruhig sind. Ist das falsch?

Im Moment wird viel über die bedürfnisorientierte Erziehung von Babys gesprochen. Man muss einfach akzeptieren, dass Babys Bedürfnisse haben, die wir Eltern erfüllen sollten. Ein Schnuller ist nicht dazu da, diese Bedürfnisse zu befriedigen. Der Schnuller sollte wirklich nur zum Nuckeln verwendet werden. Man kann das gut beobachten, dass Kinder vor allem vor dem Einschlafen wirklich aktiv am Schnuller nuckeln. In allen anderen Fällen brauchen sie den Schnuller nicht. Man sieht oft Kinder im Kinderwagen oder Buggy an einem vorbeifahren, die den Schnuller im Mund haben. Das heißt, es hat einfach nur passiv einen Fremdkörper im Mund.

Das heißt also, Eltern sind generell zu schnell mit dem Schnuller zur Hand?

Es ist eine Frage der Aufklärung. Ich mache viele Elternkurse und wenn ich dort erkläre, dass Kinder Bedürfnisse haben, die ich mit dem Geben eines Schnullers gezielt unterdrücke, dann verstehen die Eltern das und gehen in Zukunft auch achtsamer damit um. Bevor ich meinem Baby den Schnuller anbiete sollte ich immer überlegen: Was könnte es denn noch haben? Wenn man einen „aktiven“ Schnuller hat, besteht die Gefahr der Falschinterpretation gar nicht, denn wenn das Baby Hunger oder Durst hat, fliegt der Schnuller in hohem Bogen wieder raus. Wenn die Kinder ein anderes Bedürfnis haben, dann bleibt der nicht drin.

Sie unterscheiden also zwischen aktiven und passiven Schnullern?

Richtig. An einem aktiven Schnuller  muss ich nuckeln, sonst fällt er einfach aus dem Mund, der passive Schnuller bleibt im Mund, egal was passiert.

Was passiert, wenn der Schnuller zu lange oder sehr lang im Gebrauch ist? Sie sagten ja bereits, dass es negative Auswirkungen auf die natürliche Kieferentwicklung und auf die Zahnstellung haben kann. Gibt es noch weitere Auswirkungen?

Das lange Tragen begünstigt leider auch, dass die Kinder durch den Mund atmen. Man weiß aber, dass man dann weniger Sauerstoff bekommt als wenn man durch die Nase atmet. Zudem hat man bei einer normalen Nasenatmung weniger Infektionen, weil in den Nasenschleimhäuten einfach vieles an Keimen und Viren rausgefiltert wird – im Mund nicht. Kinder mit offenem Biss, können also unter anderem auch durch häufige Infektionen auffallen. Darum versuchen Logopäden immer zuerst diese Mundatmung in eine normale Nasenatmung umzutrainieren. Der offene Biss kann sich manchmal sogar noch zurückbilden. Was sich aber nicht zurückbildet ist der zu kleine Kiefer. Auch das ist zwar später zu beheben, allerdings nur durch eine Behandlung beim Kieferorthopäden.

Was raten Sie Eltern, welchen Umgang mit Schnullern kann man empfehlen?

Mir geht es darum, dass die Eltern informiert sind. Vieles kann man nachträglich korrigieren, aber wenn ich am Anfang ein bisschen mehr Zeit investiere, um den richtigen Schnuller zu finden, den außerdem schnell wieder abzugewöhne und/oder auch nicht zu häufig gebe, dann muss ich später im besten Fall weniger Energie aufwenden. Gerade das mit der Logopädie darf man nicht unterschätzen. Ich sehe im Bekanntenkreis, dass viele Schnullerkinder Probleme haben verstanden zu werden, auch gehänselt werden weil sie kleine Sprachfehler haben und vielleicht sogar aufgrund der ganzen Situation aggressiv werden können. Da kommt dann alles zusammen. Das ist auch ein Thema in der Schule: Ich kann etwas nicht aussprechen, also höre ich es auch falsch. Dadurch können Probleme mit dem Lesen und Schreiben entstehen. Das alles hängt zusammen. Wenn man das nicht früh genug erkennt und daran arbeitet, kann das im schlechtesten Fall Lernverzögerungen zur Folge haben.

Aber was macht man als Eltern, wenn es mit der Schnullerentwöhnung partout nicht klappen will?

Meine Beobachtung ist: Wenn den Eltern erst einmal bewusst ist, was das lange und falsche Schnullertragen für Schäden und Spätfolgen anrichten kann, dann sind sie konsequent und meist ist der Schnuller dann innerhalb kürzester Zeit eben doch abgewöhnt. Ich frage auch viele Eltern in meinen Seminaren: Wollt ihr das wirklich, dass ihr später eurem Kind ein, zwei Jahre zur Logopädie gehen müsst – vom Kieferorthopäden ganz abgesehen? Viele wissen einfach nicht wie dramatisch die Auswirkungen sein können. Wenn man ihnen die Zusammenhänge aber klar macht, leuchtet es den meisten ein und dann geht es mit der Schnullerentwöhnung auch ganz schnell.

 

Zur Person:

Andrea Westermann ist Zahnärztin und macht regelmäßig Informationsveranstaltungen für Eltern, in denen sie den richtigen Umgang mit dem Schnuller erklärt. Sie lebt mit ihrer Familie in der Schweiz.

 

 

 

Bilder: Gettyimages, privat (1)

 

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