Schreibaby: Was Eltern tun können – Tipps von Hebamme Anja Constance Gaca

Schreibaby: Was Eltern tun können – Tipps von Hebamme Anja Constance Gaca

BABY, Pflege

Warum schreit mein Baby so viel und lässt sich nicht ablegen? Schreibabys sind für Eltern eine besonders große Herausforderung. Wir haben mit Anja Constance Gaca, Mitautorin von "Mein Schreibaby verstehen und begleiten" über "Schreikinder" oder High-Need-Babys gesprochen.

Schreibaby: Wenn das Weinen kein Ende nimmt

Ein Baby, das stundenlang schreit, sich nicht beruhigen lässt und kaum schläft – für betroffene Eltern ist das eine der kräftezehrendsten Erfahrungen der frühen Elternzeit. Dabei ist ein Schreibaby keine Seltenheit: Schätzungen zufolge leiden etwa 15 bis 20 Prozent aller Babys an einer sogenannten Regulationsstörung, die sich unter anderem durch exzessives Schreien äußert.

Wichtig zu wissen: Ein Schreibaby ist kein Zeichen schlechter Erziehung. Und Eltern, die erschöpft und überfordert sind, machen nichts falsch. Sie befinden sich in einer der härtesten Phasen, die das Elternleben zu bieten hat. Wir haben mit Hebamme und Stillberaterin Anja Constance Gaca gesprochen, die sich auf genau dieses Thema spezialisiert hat und Mitautorin des Buches „Mein Schreibaby verstehen und begleiten“ ist.

Schreibaby High-Need-Baby
Ist mein Kind ein Schreibaby? Wir haben bei einer Expertin nachgefragt.

Liebe Frau Gaca, warum haben Sie sich auf den Bereich Schreibabys spezialisiert?

In meiner Arbeit als Hebamme und Stillberaterin IBCLC bin ich auch mit Regulationsstörungen von Babys konfrontiert. Oft melden sich die Eltern dann aber zum Beispiel wegen vermeintlicher Stillprobleme bei mir, die aber letztlich gar keine sind. Deshalb war es mir wichtig, mich zu diesem Thema weiterzubilden, um den Familien auch dann weiter helfen zu können.

Wie definiert man den Begriff Schreikind oder Schreibaby eigentlich? Welche Kriterien werden dafür angewandt?

In unserem Buch erklären wir, warum wir den Begriff „Schreibaby“ eher für unpassend halten. Wir sprechen lieber von Babys mit hohen Bedürfnissen. Da sich der Begriff „Schreibaby“ aber etabliert hat, verwenden wir ihn trotzdem. Dennoch gibt es nicht das klassische Schreibaby, was sich über eine bestimmte Anzahl von Stunden, die es untröstlich weint, definieren lässt.

Warum schreien oder weinen manche Babys so viel, dass man sie als Schreibabys bezeichnet?

Die Ursachen sind vielfältig. Regulationsstörungen, sensorische Integrationsstörungen, Hochsensibilität, aber auch das Temperament des Babys oder Phasen von Entwicklungsfrustration können mögliche Ursachen sein. In unserem Buch widmet sich ein ganzes Kapitel den vielfältigen Gründen.

Woran erkennt man ein Schreibaby? Und wie unterscheidet es sich von anderen Babys?

Manche Babys, die viel und untröstlich weinen, können Reize schlechter verarbeiten und kompensieren diese über das Schreien. Manche Kinder sprechen einfach auch eine andere Verhaltensprache und zeigen über das vermehrte Weinen ihre Bedürfnisse. Oft haben untröstlich weinende Babys auch ein empfindsameres Temperament und sind situativ schneller überfordert.

Was kann ich tun, wenn ich ein Schreikind habe? Gibt es Hilfe für Eltern?

Das hängt davon ab, als wie belastend Eltern ihre Aufgabe empfinden und wie es ihnen damit geht. Manche Eltern können ihr viel weinendes Baby trotzdem recht „entspannt“ durch diese anstrengende Zeit begleiten, weil sie vielleicht gute eigene Ressourcen und ein unterstützendes Netzwerk haben. Andere Eltern kommen schneller an ihre Grenzen – vielleicht weil auch noch andere zusätzliche Sorgen da sind, wie z.B. eine noch nicht gut verarbeitete schwere Geburt. Eltern sollten dann etwas tun, wenn sie die Situation belastet oder überfordert. Ein erster Ansprechpartner kann die Hebamme oder der Kinderarzt sein.

Welche Art von Unterstützung bieten sich an für Eltern von Schreibabys?

Das Wichtigste ist wohl zunächst einmal das Zuhören und den Eltern versichern, dass sie nichts falsch machen. Eltern sollten außerdem lernen, wie sie auch in den Schreiphasen, gut in ihrer eigenen Mitte bleiben können und auch generell auch für sich sorgen in dieser anstrengenden Zeit. Darüber hinaus muss natürlich individuell auch noch geschaut werden, was mögliche Gründe für das Schreien sein können und welche Fachleute hier noch mit hinzu gezogen werden.

Schreibaby Schreibind
Bei Babys die viel weinen, sollte zunächst durch eine Ärztin oder einen Arzt abgeklärt werden ob eine Unverträglichkeit oder andere körperliche Probleme vorliegen.

Was kann ich tun, wenn ich als Mutter oder Vater selbst erschöpft bin und merke, wie ich durch das ständige Weinen meines Babys aggressiv werde und überfordert bin?

Am besten ist es, wenn man in dieser Situation einem anderen Menschen seine Gefühle offenbart und um Hilfe bittet. Das kann der Partner sein, aber auch eine verständnisvolle Person, die man rund um die Uhr anrufen kann. In der Akutsituation und wenn man niemandem das Baby übergeben kann, sollte es an einem sicheren Ort abgelegt werden. Man sollte dann kurz aus der Situation gehen. In ein Kissen boxen oder Wasser über das Gesicht laufen lassen kann helfen, die akute Anspannung abzubauen. Und man sollte sich ganz schnell jemanden organisieren, der das weinende Baby übernimmt, bis das eigene Stresslevel wieder heruntergefahren ist.

Stimmt der alte Spruch: Wenn Eltern entspannt sind, ist auch das Baby entspannt?

Nein, definitiv nicht. Ganz im Gegenteil glaube ich sogar, dass Babys mit so hohen Bedürfnissen in die Arme von Eltern hineingeboren werden, die relativ hohe Belastungsgrenzen haben. Ein vermehrt weinendes Baby kennen alle Eltern phasenweise z.B. in Zahnungsphasen. Deshalb meinen viele Eltern zu wissen, wie es den Eltern mit einem High-Need-Baby geht. Ein Schreibaby zu haben ist allerdings eine komplett andere Herausforderung.

Ist es für mein Kind (körperlich) gefährlich, wenn es die ganze Zeit schreit?

Natürlich müssen auch immer zunächst mögliche körperliche Ursachen beim Kinderarzt abgeklärt werden. Denn es gibt es auch körperliche Ursachen oder Schmerzen, die dazu führen können, dass ein Baby untröstlich weint.

Was kann man als Eltern gegen aufkommende Schuldgefühle machen?

In unserem Buch schreiben wir „Keine Mutter ist eine schlechte Mutter, kein Vater ist ein schlechter Vater, weil das Baby besonders viel weint.“ Dieses Gefühl entsteht aber oft durch Kommentare unsensibler Mitmenschen. Davor gilt es sich auch zu schützen. Gerade in anstrengenden Elternphasen ist es um so wichtiger, sich mit Menschen zu umgeben, die einen stärken und unterstützen.

Wann wird es besser? Wann kann man in der Entwicklung davon ausgehen, dass ein High-Need-Baby weniger weint?

Auch das lässt sich nicht pauschal beantworten, weil es zu individuell ist. In unserem Buch haben wir die konkreten Hilfen für Eltern von viel weinenden Babys deshalb auch in die ersten drei Monate, die Monate drei bis sechs, sechs bis neun und neun bis zwölf unterteilt. Die Herausforderungen und auch die Optionen, wie Eltern ihr Baby begleiten können, verändern sich mit den Entwicklungsschritten des Kindes.

Sind Schreibabys auch später besonders emotionale oder sensible Menschen?

Oft bleibt auch später eine gewisse Empfindsamkeit. Aber letztlich bringt jedes Kind – egal ob es als Baby viel geweint hat oder auch nicht – sein ganz eigenes Temperament mit. Eltern sollten ihr Kind also mit all seinen wunderbaren und vielfältigen Seiten als eigenständige Person anerkennen und entsprechend begleiten.

10 hilfreiche Tipps für Eltern von Schreibabys

Das Interview zeigt: Es gibt bei Babys die viel weinen oder High-Need-Babys keine Patentlösung für Eltern. Aber es gibt viele kleine Dinge, die helfen können bei Schreibabys. Hier sind die bewährtesten Strategien:

1. Reize reduzieren: Viele Schreibabys reagieren empfindlich auf Überstimulation – laute Geräusche, grelles Licht, viele Menschen. Ruhige, reizarme Umgebungen helfen oft, die Schreiphasen zu verkürzen.

2. Tragen hilft: Enger Körperkontakt durch Babytragen oder -tragetücher beruhigt viele High-Need-Babys spürbar. Die Nähe und die sanfte Bewegung erinnern an die Zeit im Mutterleib.

3. Weißes Rauschen ausprobieren: Gleichmäßige Hintergrundgeräusche wie Regenrauschen, Föhngeräusche oder spezielle White-Noise-Apps können beruhigend wirken, besonders beim Einschlafen.

4. Schreiphasen protokollieren: Wann schreit das Baby besonders viel? Nach dem Stillen, abends, nach Ausflügen? Ein Protokoll hilft, Muster zu erkennen und mögliche Auslöser zu identifizieren.

5. Körperliche Ursachen abklären lassen: Vor allem Koliken, Reflux oder Unverträglichkeiten können exzessives Schreien auslösen. Ein Kinderarztbesuch sollte immer der erste Schritt sein wenn ihr glaub, ein Schreibaby zu haben.

6. Osteopathie oder Baby-Shiatsu: Viele Eltern berichten von positiven Erfahrungen mit sanften körpertherapeutischen Methoden, besonders wenn die Geburt belastend war (Saugglocke, Kaiserschnitt, Sturzgeburt).

7. Hilfe annehmen und einfordern: Kein Elternteil schafft das alleine. Großeltern, Freunde, Nachbarn… wer auch immer für ein paar Stunden einspringen kann, sollte gefragt werden. Regelmäßige Pausen sind keine Schwäche, sondern Notwendigkeit in dieser Situation.

8. Schreiambulanz aufsuchen: In ganz Deutschland gibt es spezialisierte Schreiambulanzen an Kinderkliniken, die kostenlose Beratung und Unterstützung für betroffene Familien anbieten. Die Nationale Stillkommission und das NZFH (Nationales Zentrum Frühe Hilfen) bieten Adressverzeichnisse an.

9. Selbstfürsorge ernst nehmen: Erschöpfte Eltern können ihrem Kind nicht gut helfen. Wer merkt, dass die eigene Belastungsgrenze erreicht ist, sollte aktiv Entlastung suchen. Eine gute erste Anlaufstelle kann eure Hebamme sein, aber auch professionelle Unterstützung durch psychologische Beratung solltet ihr nicht ausschließen.

10. Es wird besser: Auch wenn es sich in der schlimmsten Phase nicht so anfühlt: exzessives Schreien nimmt in aller Regel mit zunehmendem Alter des Babys ab. Die meisten Schreibabys zeigen ab dem vierten bis sechsten Monat deutliche Verbesserungen.

 

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Mehr Informationen rund um das Thema Schreibaby oder High-Need-Baby gibt es in dem Ratgeber von Anja Constance Gaca und der Pädagogin Susanne Mierau Mein Schreibaby verstehen und begleiten aus dem GU Verlag.