Babyschlaf-Mythen im Expertencheck: Was ist dran?

Babyschlaf-Mythen im Expertencheck: Was ist dran?

BABY, Wissen

Die Nächte mit einem Säugling können anstrengend sein, denn kaum ein Kind schläft von Anfang an durch. Doch was ist dran an den typischen Babyschlaf-Mythen.

„Schläft euer Baby schon durch?“ Kaum eine Frage hören frischgebackene Eltern so oft und kaum eine setzt sie gleichzeitig so sehr unter Druck. Wir haben mit Schlafberaterin Caroline Bechmann darüber gesprochen, warum diese Frage überhaupt so präsent ist, welche Babyschlaf-Mythen sich hartnäckig halten und wie eine professionelle Schlafberatung eigentlich abläuft.

Interview: Ida Larsson

Eigentlich sollte es jedem klar sein: Babys schlafen nicht Nacht für Nacht acht Stunden am Stück. Trotzdem hören Eltern die Frage „Schläft euer Baby schon durch?“ gefühlt bei jedem Familientreffen, jedem Spielplatzbesuch, jedem Anruf der Großeltern.

Wir haben uns gefragt: Woher kommt dieser Druck und was ist wirklich dran an den gängigen Mythen über den Babyschlaf? Dazu haben wir mit der Schlafberaterin Caroline Bechmann gesprochen.

Schlaf nacht Baby

Warum fragt eigentlich jeder, ob das Baby schon durchschläft?

Frau Bechmann, es ist doch ganz selten, dass Babys acht Stunden am Stück schlafen. Dennoch hört man als Eltern häufig die Frage: „Schläft euer Baby schon durch?“ Woher kommt dieser Mythos und warum lassen sich Eltern so unter Druck setzen davon?

Caroline Bechmann: Das liegt an falschen Vorstellungen und Erwartungen einiger Erwachsener an Kinder. Früher hat man Kinder eher wie kleine Erwachsene behandelt. Diese falsche Haltung gegenüber Kindern trägt sich von Generation zu Generation und wird durch manchen Ratgeber sogar noch verstärkt. Leider ist unsere Gesellschaft noch weit davon entfernt, familien- und kinderfreundlich zu sein. Kinder sollen und müssen sich an die Welt der Erwachsenen anpassen und dazu gehört nun mal auch das kindliche Schlafverhalten.

Dazu möchte ich aber sagen, dass das kindliche Schlafverhalten natürlich auch anstrengend für Eltern sein kann. Sein Kind zu trösten und in den Schlaf zu begleiten, wenn man selbst sehr müde ist, bringt einen schon an seine persönlichen Grenzen. Wir brauchen unseren Schlaf, und viele Eltern erfahren in den ersten Jahren mit ihren Kindern einen starken Schlafmangel. Wenn Eltern nun davon ausgehen, dass ihre Babys mit sechs Monaten durchschlafen können, weil diese falsche Erwartungshaltung immer noch vorherrscht, dann kann einen das völlig normale kindliche Schlafverhalten schon überfordern.

Die kindliche Schlafentwicklung ist ein Reifeprozess und dauert ungefähr vier Jahre. Dieser Prozess verläuft wellenförmig und individuell. Also bitte vergleichen Sie Ihr Kind nicht mit anderen, denn das kann ganz schön frustrieren. Wenn Sie die kräftezehrenden Nächte an Ihre Grenzen bringen, dann suchen Sie sich Unterstützung in Form von familiärer Hilfe oder bei Schlafberatern und -beraterinnen.

Mythen über den Babyschlaf: Stimmt’s oder stimmt’s nicht?

Rund um das Thema Babyschlaf halten sich einige Vorstellungen extrem hartnäckig, obwohl die Forschung sie längst widerlegt hat. Wir haben Caroline Bechmann gefragt, was wirklich dran ist.

Mythos 1: „Lass dein Kind nachts auch mal schreien, damit es lernt, selbst einzuschlafen.“

Stimmt nicht. Kinder lernen selbstständiges Schlafen durch unsere Begleitung, Fachleute nennen das Selbstregulierung durch Co-Regulierung. Wenn ein Kind nachts schreit, dann braucht es Unterstützung. Es kann Angst haben oder das Aufwachen in der Dunkelheit als Trennung erleben. Kinder brauchen dann Nähe, viele brauchen Körperkontakt, und sie brauchen ein Gefühl von Sicherheit, das sie zum Beispiel durch Kuscheln bekommen.

Der Gedanke, ein Kind müsse „lernen“, allein fertig zu werden, klingt nach guter Erziehung – ist aber neurologisch das Gegenteil von dem, was tatsächlich passiert. Ein Kind, das schreiend allein gelassen wird, lernt nicht Selbstständigkeit. Es lernt, dass in dieser Situation keine Hilfe kommt.

Baby Schlaf

Mythos 2: „Kinder müssen das Schlafen lernen.“

Stimmt auch nicht. Kinder können bereits schlafen, eben so wie zum Beispiel ein 18 Monate altes Baby aufgrund seines Alters und Entwicklungsstands schlafen kann. Die ersten Monate müssen Kinder dabei enorm viel leisten: Sie müssen Schlafzyklen miteinander verknüpfen, ihre Schlafphasen verändern sich, und sie entwickeln sich insgesamt rasant weiter. Die Fremdel- oder Autonomiephase hat Auswirkungen auf das Schlafverhalten. Später durchlaufen Kinder die sogenannte magische Phase und haben abends auf einmal Angst vor Monstern.

Kinder müssen also enorm viel verarbeiten, und all das kann sich auf den Schlaf auswirken. Schlafen muss nicht gelernt werden, es reift – individuell und mithilfe von uns Eltern und anderen Bezugspersonen. Das heißt aber nicht, dass es nicht auch Kinder gibt, die von Anfang an mehrere Stunden am Stück schlafen oder recht früh allein im eigenen Kinderzimmer gut schlafen. Das ist völlig okay. Dennoch brauchen die meisten Kinder, was das Schlafen betrifft, Zeit.

Mythos 3: „Babys sollten nicht im Elternbett schlafen.“

Stimmt nicht. Natürlich dürfen Babys auch im Elternbett schlafen, hierbei sollten einige Dinge berücksichtigt werden. Ich persönlich rate Eltern schon immer, sich mit den Empfehlungen für den Kinderschlaf auseinanderzusetzen und diese zu berücksichtigen. Ansonsten sind die Eltern frei in der Gestaltung der Schlafumgebung. Kinder brauchen in erster Linie das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit und eine Begleitung durch einen Elternteil (oder eine anderen Bezugsperson). Kinder müssen erst einmal die Erfahrung machen, dass Schlafen etwas Schönes ist und nicht „nur“ Trennung bedeutet.

Wie läuft eigentlich eine Schlafberatung ab?

Ein Aspekt, über den selten gesprochen wird: Was passiert eigentlich, wenn eine Familie professionelle Hilfe bei Schlafproblemen sucht? Wir haben Caroline Bechmann gefragt, wie der Ablauf aussieht.

Wie gehen Sie in Ihrer Arbeit vor, wenn eine Familie Sie um Hilfe bittet, weil das Baby nicht gut schläft?

Eltern melden sich meist per E-Mail mit ihren Anliegen und Problemen bei mir. Wir vereinbaren dann einen Kennenlerntermin und besprechen erst einmal die aktuelle Sachlage. Dann bearbeiten wir gemeinsam die Anliegen und überlegen, wie die Schlafsituation so gestaltet werden kann, dass es allen gut damit geht. Dabei berücksichtigen wir alle Bedürfnisse sowie die individuellen Rahmenbedingungen und Ressourcen der Familie.

Bei mir gibt es keine starren Pläne und auch keinen Ablauf nach Schema F. Es gibt kein Training und keine feste Vorgehensweise, jede Beratung verläuft anders. Natürlich gibt es immer wieder sehr ähnliche Anliegen, aber der Weg zur Veränderung ist individuell und an die Familie angepasst. Ich begleite die Familien ein Stück auf ihrem Weg und stelle gezielte Fragen, sodass sie selbstständig ihre Lösungen finden können. Rückschritte gehören immer mal dazu und sind überhaupt nicht schlimm. Ein großer Teil meiner Arbeit ist auch die Aufklärung über die kindliche Entwicklung, vor allem im Bereich des Schlafens und der Bindung.

Diese Antwort zeigt etwas Wichtiges: Eine gute Schlafberatung ist kein Programm, das man „durchzieht“, sondern ein individueller Begleitprozess. Wer also überlegt, sich Unterstützung zu holen, muss keine Angst vor starren Trainingsplänen haben.

Wenn ein Baby gar nicht zur Ruhe kommt: Drei SOS-Tipps von der Schlafberaterin

Welche SOS-Tipps können Sie Eltern mit auf den Weg geben, wenn ein Baby so gar nicht zur Ruhe kommt?

Für einen einzelnen schwierigen Abend: Aushalten und versuchen, Entspannung reinzubringen. Sich abwechseln und auf die eigenen Gefühle achten. Und sich während der Einschlafbegleitung selbst etwas Gutes tun.

Wird es zu einem langfristigen Anliegen, lohnt sich ein genauerer Blick auf den Tagesablauf. Vielleicht helfen mehr Ruhepausen oder mehr Bewegung. Vielen Familien hilft es auch, Struktur in den abendlichen Ablauf zu bringen: die Abendroutine rechtzeitig einläuten, da vielen Kindern das schnelle Umschalten vom Spielen zur Bettruhe schwerfällt. Und ganz grundsätzlich: mehr Zeit einplanen und Unterstützung suchen, wenn die eigenen Kraftressourcen aufgebraucht sind.

Wie eine gute Abendroutine konkret aussehen kann, zeigen wir in unserem Artikel über Einschlafrituale fürs Baby.

Sich Hilfe zu holen, ist keine Schwäche

Eltern dürfen und sollten sich mehr Hilfe von Familie und Freunden holen, wenn diese in der Nähe sind. Sie dürfen auch mehr Aufgaben abgeben wie einkaufen, oder mit dem Baby spazieren gehen. Viele Eltern suchen sich zu wenig Unterstützung, weil sie das als Schwäche ansehen. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Sich einzugestehen, dass man gerade etwas überfordert ist und Hilfe braucht, um alle Bedürfnisse unter einen Hut zu bekommen, zeugt von reflektiertem Handeln und Denken.

Auch Eltern brauchen Pausen vom Babyalltag

Sich Auszeiten einbauen! Ich weiß, das klingt so einfach daher gesagt, aber es ist nun mal so. Wenn ich den ganzen Tag nur am Machen bin und keinerlei Pausen dazwischen schiebe, dann habe ich keine Kapazitäten und Ressourcen mehr für die nächtliche Betreuung. Eltern müssen ihre Kinder nicht 24 Stunden bespaßen und tausend Dinge tun, damit sich das Kind optimal entwickelt. Der Haushalt darf auch mal liegen bleiben, Termine dürfen verschoben werden und es muss nicht jeden Tag ein Drei-Gänge-Menü her.

Was ich damit sagen will: Eltern dürfen Vorstellungen loslassen und sich Pausen gönnen. Außerdem dürfen sich Eltern viel mehr Hilfe von Familie und Freunden holen, wenn diese in der Nähe sind und ein Zusammenhalt da ist. Und Eltern dürfen mehr Aufgaben abgeben. Dann kauft eben mal die Tante für einen ein, wenn man selbst kaum dazu kommt oder man fragt Freunde. Wir suchen uns zu wenig Unterstützung, weil viele das als Schwäche ansehen. Dabei ist das keine Schwäche, ganz im Gegenteil. Es zeigt Stärke: Sich einzugestehen, dass man gerade ein wenig überfordert ist und Hilfe braucht, um alle Bedürfnisse unter einen Hut zu bekommen, zeugt von reflektiertem Handeln und Denken.

Babyschlaf

 

Zur Person:

Caroline Bechmann ist Psychologin und Erzieherin. Sie berät Familien zu vielerlei Erziehungsfragen und allen Belangen rund um gesunden Babyschlaf. Auf ihrem Blog „liebevoll aufwachsen“ gibt sie ebenfalls viele hilfreiche Tipps. Zusammen mit Dominique Reimer hat sie das Buch „Ich kann schon schlafen“ geschrieben (Humboldt Verlag, 2022)