Wie sehr verändert mich die Schwangerschaft?

Menschen, SCHWANGERSCHAFT

Jede Frau erlebt ihre Schwangerschaft anders. Doch vom gesellschaftlichen Umfeld wird der werdenden Mutter oft vermittelt, wie eine Schwangere zu sein hat – oder eben nicht. Unsere Autorin hat sich darüber Gedanken gemacht ...

Text: Stefanie Rüggeberg

Mit dem Schwangersein ist es ein wenig wie mit der Liebe. Bei beidem schleppt man einen großen, sorgfältig in Hollywood gepackten Koffer mit sich herum. Darin sind viele Schablonen, die uns vorgeben, wie die Sache idealerweise ablaufen wird. Doch genauso selten, wie wir uns im wahren Leben im Flugzeug schockverlieben, um eine ernsthafte Romanze erst kämpfen müssen oder im Regen unsagbar berauschende Küsse erleben, folgt das Erlebnis Schwangerschaft einem idealisierten Drehbuch.

Jede Schwangere fühlt anders – und das ist gut so

Der Freudentaumel nach dem positiven Test, das ultimative Glück, das einen wie auf Wolken durch die nächsten Monate trägt, das Gefühl, durch ein Baby den Sinn des Lebens zu entdecken – diese Szenen ergeben ein hübsches Märchen mit viel rosa Watte und Glitzerstaub. Was nicht heißt, dass es für manche Frauen nicht so ablaufen kann. Aber die Wahrheit ist: Es kann ebenso gut sein, dass wir lieber so wenig Bohei wie möglich ums Schwangersein machen. Dass wir uns zwar still und leise freuen, bald einen Sohn oder eine Tochter zu haben, aber weder ständig über die Vorgänge in unserem Uterus sprechen noch mit Babyfragen gelöchert werden wollen. Das wiederum ist nicht weniger okay, als eine jener werdenden Mütter zu sein, die rund um die Uhr die Hand auf den oft noch nicht vorhandenen Bauch legen. Das Besondere an emotionalen Dingen ist, dass es keine zwei Menschen auf der Welt gibt, die sie exakt gleich erleben. Das macht Gefühle so unberechenbar und gleichermaßen schön.

Schwanger Gefuehle

Schwanger sein – eine tiefgreifende Lebensveränderung

Nun ist kaum ein Gefühl im wahrsten Sinne des Wortes derart lebensverändernd wie das, schwanger zu sein. Allein die Vorstellung, sich den eigenen Körper plötzlich mit einem Mitbewohner zu teilen oder nach ein paar Monaten seine ersten Bewegungen wie winzige Schmetterlingsflügel in sich zu spüren – das ist so groß, dass es durchaus verwirren kann und darf. Was liegt also näher, als sich inmitten dieser Veränderungen etwas Kontinuität zu wünschen, ein Stück des alten Lebens festhalten zu wollen? Was spricht dagegen, beim Ultraschall berührt zu sein, weil der Fötus Purzelbäume schlägt, und hinterher wie immer mit Freunden die halbe Nacht tanzen zu gehen? Quasi als kleine Rückversicherung, dass wir mit Kind weiterhin wir selbst bleiben werden. Genau so ging es mir, als ich zum ersten Mal schwanger war. Es hat schon seinen Sinn, warum der Geburt neun Monate Vorbereitungszeit vorausgehen – wobei selbst die mir zu kurz vorkamen.

Die Idee, den Menschen, der wir vor der Schwangerschaft waren, mit dem ersten sichtbaren Herzschlag des Kindes durch ein neues Ich zu ersetzen, ist ebenso übereilt wie unnötig. Seltsamerweise scheinen jedoch genau das viele Außenstehende zu erwarten. „Du fährst noch mit dem Rad zur Arbeit? Spinnst du?“ – „Du willst im siebten Monat Wanderurlaub machen? Das ist viel zu anstrengend.“ – „Wie, du hast sechs Wochen vor der Geburt noch kein Kinderzimmer eingerichtet?“ Die Liste der Erwartungen, was eine schwangere Frau wann und wie zu erledigen hat oder eben nicht, ist endlos. Manche werdende Mütter denken gar nicht groß darüber nach und erfüllen sie automatisch. Andere hadern mit ihnen, versäumen es aber, frühzeitig dagegen aufzubegehren.

Tipps, auf die Schwangere gern verzichten können

Dann geht es einem mitunter so wie meiner Freundin Kristin: Sie ließ sich monatelang von ihrer Nachbarin nicht nur mit Schwangerschaftstipps, die sie nicht interessierten, überhäufen. Sie nahm zudem das Handauflegen dazu in Kauf: mitten auf den Bauch, ungefragt wie unerwünscht. Bis die alte Dame Kristin auf der Haustreppe just in dem Moment zu nahe trat, als sich zur mittelschweren Einkaufstasche eine starke Übungswehe gesellte. Patsch, war’s passiert. Die Hand der distanzlosen Erwartungs-Stalkerin wurde im Affekt schallend weggeklatscht. Die Nachbarin verfiel kurz in Schockstarre und grüßte fortan mit dem gebührenden Sicherheitsabstand. Grenze gezogen – nur dummerweise so spät, dass Kristin sich selbst Jahre später noch ärgert, die Markierung nicht fünf Monate früher gesetzt zu haben.

Es ist spannend, verrückt, manchmal beängstigend und meistens ziemlich schön, sich monatelang auf jemanden zu freuen, den man für den Rest seines Lebens lieben wird. Aber das bedeutet nicht automatisch, dass wir das Schwangersein an sich toll finden müssen. Schon gar nicht in jeder Sekunde. Denn obwohl das von erwartungsvollen Außenstehenden gern weichgezeichnet wird – dieser Zustand schließt Punkte mit ein, die nicht gerade die Euphorierezeptoren triggern. Zum Beispiel, wenn wir in den letzten Wochen vor der Geburt die Bewegungsfreiheit eines gestrandeten Wals erreichen. Manchmal verflüchtigt sich der magische Glitzerstaub sogar bedeutend früher. Eine Bekannte von mir stellte ihre Uhr drei Jahre nach dem Eisprung. Sie glaubte, wenn sie nur schwanger werden würde, wäre das die glücklichste Zeit ihres Lebens. Als diese endlich begann, wurde sie von einer symbiotischen Zwangsbeziehung mit der Kloschüssel gekrönt, die bis zur Geburt anhalten sollte. Was dazu führte, dass besagte Bekannte offen zugab, sie würde ihrem nächsten Kind am liebsten beim Wachsen in einer externen Gebärmutter zuschauen.

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Schwangersein definiert sich nicht nur über den Babybauch

Als Schwangere lebt man durchaus nicht in einer Blase der Glückseligkeit, sondern ist öfters ganz schön genervt von der Metamorphose, die der eigene Körper durchlebt. Ganz zu schweigen von all den guten Ratschlägen, die den Weg zur Geburt pflastern. Plötzlich sind wir umgeben von „Du musst jetzt aber …“-Missionaren, bekommen nur noch Schwangerschaftsratgeber geschenkt, obwohl wir lieber Autobiografien lesen und hören zum Abschied kein schlichtes Tschüss mehr. Sondern Floskeln wie „Fröhliches Brüten dir“ – da kann selbst ohne Morgenübelkeit leicht Instant-Brechreiz aufsteigen. In Filmen wird gern der Satz „Ich bin nicht krank, nur schwanger“ zitiert, wenn das Umfeld der Protagonistin zur Hilfe eilt, sobald sie einen Briefumschlag tragen will. So klischeehaft der Spruch ist – darin steckt viel Wahres. Es kann gewaltig stören, wenn uns andere bei jeder Armbewegung daran erinnern, dass wir „doch schwanger“ sind. Als wäre der Begriff eine Gender-Rolle: nicht Mann, nicht Frau – sondern schwanger. Niemand will ernsthaft nur auf das, was sich gerade in seinem Bauch entwickelt, reduziert werden.

Oder wie eine Kollegin von mir es auf den Punkt brachte: „Ich habe noch einen Job, einen Mann, ein Leben. Manchmal vergesse ich zwischendurch gern mal komplett, dass ich schwanger bin.“ An sie dachte ich später öfter, als mich selbst die Erwartungen nervten, wie eine werdende Mutter in der Schwangerschafts-Schmonzette der anderen durchs Bild zu schweben hat. Mit der Erkenntnis, dass es wenig Sinn macht, sich auf der wundersamen Reise zur Mutterschaft von Schema F leiten zu lassen. Ob sich unser Leben dadurch schlagartig komplett, langsam in kleinen Portionen oder erst einmal so wenig wie möglich verändert, entscheiden nicht die anderen. Sondern wir selbst. Und wie immer die Entscheidung ausfällt – solange wir uns dabei fühlen, als würden wir mit einer Tafel Schokolade in der Hängematte relaxen, ist alles gut.

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Ich(erforderlich)

Jede Frau hat andere Gefühle in der Schwangerschaft

Jede Schwangerschaft ist anders und jede Frau ist anders schwanger. Die eine ist 24/7 euphorisch, die andere mag es unaufgeregt. Was soll’s? Vorfreude hat keine Normen. Für die eine bedeutet das, jedes neue Ultraschallbild im Freundeskreis zu zeigen. Für die andere, die schwammigen Linien, die Mund und Nase sein sollen, lieber ganz allein zu bewundern. Hier Vergleiche zwischen sich und anderen zu ziehen, schmälert das eigene Glück unnötig. Denn tatsächlich gibt es nur eine einzige Erwartung, die jede Schwangere unbedingt erfüllen sollte: den Koffer mit den Schablonen getrost wegzupacken und den eigenen Gefühlen die Regie zu überlassen. Wenn das im Zweifelsfall heißt, dass uns ein „Nenn mich verdammt noch mal nicht schwanger!“ entfährt, klingt das vielleicht schroff und zu wenig rosarot für Hollywood. Doch der Satz steht dann in dem Drehbuch, das wir selbst schreiben. Nur darauf kommt es an.

 

Bilder: Gettyimages (3)

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