Osteopathie – Bei diesen Problemen kann sie Babys helfen

BABY, Wissen

Ist das Baby unruhig, legt das Köpfchen immer nur zu einer Seite ab und schreit oft grundlos? Bei vielen dieser Probleme kann ein Osteopath weiterhelfen. Wie die Behandlung genau funktioniert und wann, erklären wir hier.

Text: Andrea Hackenberg

Zehn Wochen nach der Entbindung stellte Elena fest, dass ihr kleiner Sohn den Kopf nur nach links drehte. Er konnte ihn kaum zur anderen Seite bewegen, selbst dann nicht, wenn man ihm von rechts ein Spielzeug zeigen wollte. Und bei jedem Versuch, den Kopf sanft auf die andere Seite zu legen, gab es Geschrei. Besorgt wandte Elena sich an ihre Kinderärztin, doch die gab Entwarnung. „Sie hat mir einfach nur eine Verordnung über den Tisch gereicht und gesagt, dass ich mich an einen Osteopathen wenden soll“, erinnert sich die junge Mutter. „Den Begriff hatte ich noch nie vorher gehört und musste erst mal googeln.“

Osteopathie – was ist das eigentlich?

Dem Verband der Osteopathen in Deutschland (VOD) zufolge handelt es sich um „eine eigenständige, ganzheitliche Form der Medizin, in der Diagnostik und Behandlung mit den Händen erfolgen“. Bei vielen Krankheitsbildern sei so eine vorbeugende Behandlung möglich. „Wir behandeln nicht das Symptom, sondern die Ursachen“, ergänzt Osteopathin Susanne Weidenhausen, Inhaberin der Praxis Mainbaby in Frankfurt am Main. „Osteopathie hilft, dass der Patient selbst gesunden kann.“

Dieser Ansatz spricht hierzulande immer mehr Menschen an. So zeigt eine aktuelle Forsa-Umfrage, dass jeder vierte Deutsche schon selbst oder aber mit seinem Kind bei einem Osteopathen in Behandlung war. Im Jahr 2018 war es noch jeder fünfte Bundesbürger. Rund 13 Prozent der Befragten haben ihren Säugling oder ihr Kleinkind bis zum Alter von fünf Jahren schon einmal osteopathisch behandeln lassen. Die Daten wurden im Juli 2021 im Auftrag des VOD unter 2.500 Teilnehmern erhoben.

Baby Kopf schief

Welche Auffälligkeiten beim Baby können Osteopathen behandeln?

Genau wie Elena wenden sich die meisten Eltern an einen Osteopathen, wenn sie an ihrem Baby bestimmte Auffälligkeiten beobachten: Beschwerden beim Trinken zählen genauso dazu wie Schlafstörungen, ständiges Schreien oder die Ausrichtung des Kopfes zu nur einer Seite, der sogenannten Lieblingsseite. „Gut 85 Prozent der Babys, die wir behandeln, kommen mit dieser Symptomatik“, sagt Osteopathin Susanne Weidenhausen. „Die jüngsten Patienten kommen zu uns mit Trinkschwierigkeiten, diese Babys sind oft nur ein paar Tage alt. Asymmetrien zeigen sich häufig erst sechs bis acht Wochen nach der Geburt.“

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Gründe für Asymmetrien bei Babys

Wie aber kommt es zu diesen Schwierigkeiten? Susanne Weidenhausen verortet die Ursachen unter anderem in den Kreißsälen. „Die Geburtshilfe ist heutzutage eine große Herausforderung. Erfahrene Hebammen fehlen oft an den Kliniken. Wann immer eine Geburt extrem schnell, extrem schwer oder mit Kaiserschnitt abläuft, landen die Babys früher oder später bei uns.“

Auch Elena hat mit Kaiserschnitt entbunden. Und ihren Sohn streng nach Lehrbuch auf dem Rücken schlafen lassen, um einen plötzlichen Kindstod zu vermeiden. „Das ist zum Schlafen richtig, aber diese Lage begünstigt es, dass die Babys eine Lieblingsseite entwickeln“, so Osteopathin Weidenhausen. „Denn nur in der Bauchlage werden Hals- und Bauchmuskulatur des Babys trainiert.“

So kann ein Babynest helfen

Einen Ausweg aus diesem Dilemma bieten Osteopathen mit dem sogenannten Nestchen an: Dabei wird eine dicke Decke auf dem Boden zu einem Kreis geformt, ein Handtuch darüber gelegt, an den Rändern eingeschlagen und das Baby in die Mitte gelegt. „Anders als bei der Rückenlage auf der flachen Matratze muss das Baby im Nestchen nicht der Schwerkraft entgegenarbeiten“, erklärt Susanne Weidenhausen. „Es befindet sich nicht mehr in der totalen Streckung, sondern kann seine vordere Muskulatur und die Bauchdecke entlasten. Die Darmtätigkeit regeneriert sich und auch der Moro-Reflex wird abgepuffert.“

Diese Technik fand Elena nachvollziehbar und leicht umzusetzen. „In fast jedem Raum unserer Wohnung baute ich Nestchen, und mein Sohn spielte und strampelte in diesen Handtuch-Kreisen, bis er entspannt einschlief“, erinnert sich die 38-jährige Bürokauffrau. Andere Methoden aus der Osteopathiebehandlung hingegen erschließen sich für Laien nicht ganz so schnell. Das stille Abtasten von Kopf, Hals und Rücken zum Beispiel. „Ich sah zu, wie mein Baby von der Therapeutin nach einer Systematik berührt wurde, die ich absolut nicht durchschaute“, erzählt Elena. „Da habe ich mich schon manchmal gefragt, was die da überhaupt machen.“

Baby Behandlung

Wie arbeiten Osteopathen eigentlich genau?

Wenn Susanne Weidenhausen versucht, älteren Kindern zu erklären, wie sie arbeitet, sagt sie immer: „Bei mir sprechen meine Hände mit deinem Gewebe.“ Mit den Händen spüren sich Osteopathen in Bindegewebestrukturen, die sogenannten Faszienstrukturen, hinein. „Wir fühlen, wo muskuläre Verspannungen sind. Das ist so fein, weil es alle Ebenen des Körpers betrifft.“

Kritik an Osteopathie

Unter einigen Medizinern ist die Wirksamkeit dieser Behandlungsmethoden umstritten. So schreibt die Ärztin und ehemalige Homöopathin Nathalie Grams-Nobmann in einem Fachartikel: „Wenn Ihr Kind nicht gerade einen angeborenen Schiefhals (Torticollis) hat, den ein Arzt sorgfältig diagnostizieren sollte, dann ist nichts schief, was nicht von allein wieder verschwindet.“ Die Expertin kritisiert vor allem den Mangel wissenschaftlicher Belege für Osteopathie als effektiv wirksamer Therapie. „Unruhe, ein verbeulter Schädel, Schreien, Trinkvorlieben, Spucken, Sabbern, kurze Schlafphasen – das alles gehört zum normalen Baby-Dasein. Es ist für sich genommen kein behandlungsbedürftiger Zustand.“

Positive Erfahrungsberichte bestätigen die Wirkung

Die Methode, verkürzte Muskeln mit speziellen Handgriffen zu dehnen, wird von vielen Ärzten aber auch als hilfreich angesehen – vor allem, wenn es darum geht, Fehlstellungen im Bewegungsapparat zu behandeln. Zahlreiche Krankenkassen beteiligen sich deshalb anteilig an den Kosten für osteopathische Behandlungen (siehe unten). Durchforstet man außerdem die gängigen Mütterforen zum Thema Osteopathie, stößt man überwiegend auf Erfahrungsberichte, in denen die anfängliche Skepsis einer positiven Überraschung weicht. „Ich habe ja nicht geglaubt, dass uns das irgendwas bringt, aber schon nach der ersten Sitzung hat mein Sohn weniger geschrien“, schreibt zum Beispiel eine Mutter. „Mittlerweile schläft er sogar regelmäßig durch.“

Wie werden Osteopathen ausgebildet?

Tatsächlich sollen drei Sitzungen genügen, um Verspannungen bei den kleinen Patienten zu lösen. „Wichtig ist, dass der Osteopath viel Erfahrung vorweisen kann und Zusatzausbildungen absolviert hat“, sagt Susanne Weidenhausen. „Babys sind keine kleinen Erwachsenen, man muss erkennen können, was dem Kind fehlt und was die Beschwerden auslöst.“

Um diese Sicherheit zu erlangen, durchlaufen Osteopathen eine umfassende Ausbildung, die bis zu fünf Jahre dauert und privat finanziert werden muss. Inklusive Zusatzausbildungen kommen Osteopathen auf 1.350 Unterrichtsstunden, bevor sie in der Praxis tätig werden. Der Beruf ist zurzeit nicht staatlich anerkannt.

Elenas Sohn hat nicht lange gebraucht, um sich von seiner Lieblingsseite zu verabschieden. „Die Osteopathie-Behandlung hat für uns den Durchbruch gebracht, ich würde es immer wieder machen“, sagt sie. „Heute hat mein Sohn einen sehr eigenen Kopf – und ich bin dankbar, dass er ihn mühelos in alle Richtungen bewegen kann.“

Wer bezahlt die Behandlung beim Osteopathen?

Osteopathische Behandlungen gelten in der gesetzlichen Krankenkasse als freiwillige Extraleistungen. Nach Angaben des VOD gibt es derzeit rund 90 Kassen, die Osteopathie bezuschussen. Voraussetzung ist eine ärztliche Verordnung, zudem muss die Behandlung von einem durch die Kasse anerkannten Osteopathen übernommen werden. Die Höhe der Kostenübernahme variiert von Kasse zu Kasse: Im Schnitt werden drei Behandlungstermine mit 40 bis 50 Euro bezuschusst, den Rest müssen die Eltern selbst tragen. Von privaten Kassen werden die Kosten in der Regel vollständig übernommen.

 

Bilder: Gettyimages

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